Theater

Afrika Schwerpunkt bei Tanz im August 2009

Salia_ni_Seydou_Antoine_TempAfrikanischer Tanz boomt auf europäischen Festivals. Die meis­ten afrikanischen Kompanien, die man in Europa kennt, haben auch hier ein Standbein, in der Regel in Paris. „Benquistes“ werden sie in Afrika genannt. Man ist stolz auf sie und neidisch. Und man erwartet viel von ihnen, die in Europa lebenden Künstler sind für Afrika durchaus ein Wirtschaftsfaktor. In der Weltmusik, im Tanz, in der bildenden Kunst werden Umsätze getätigt, die als nennenswert gelten. Es hat auch keine Pea­nuts gekostet, wenn in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, das heute am besten ausgestattete Tanzzentrum Westafrikas steht. La Termitiиre (Der Termitenbau) heißt es. Gebaut haben es Salia Sanou und Seydou Boro, die vor 16 Jahren bekannt wurden, als die französische Choreografin Ma­thilde Monnier die beiden kräftigen Herren dazu einlud, auf der Bühne ihr Revier zu verteidigen, sich gegenseitig aggressiv anzugehen oder nebeneinandersitzend die Hände vor Augen, Ohren und Mund zu pressen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Da tobte das Publikum, weil es im zeitgenössischen Tanz der Afrikaner eine sehr universelle Botschaft erraten konnte von Unterdrückung, Blutsbanden und rück­sichts­losen Machtspielen.

Es ist nicht so, dass in ganz Afrika den lieben langen Tag Korruption, Aufstand und Unterdrü­ckung stattfinden. Und schon gar nicht gilt das für das friedliche Burkina Faso nördlich der Elfenbeinküste. Doch vor drei Jahren kam es hier, pünktlich zur Eröffnung des neuen Tanzhauses von Salia Sanou und Seydou Boro, wie aus den Nichts zu einer heftigen Schießerei zwischen Soldaten und Einheiten der Polizei. Es war eine sehr blutige Demons­tration, als Hunderte Armeeangehörige nachts durch die Stadt zogen und eine Spur von Toten und Verletzten hinterließen, Hunderten Insassen des Hauptgefängnisses zum Ausbruch verhalfen und sehr unmissverständlich klarmachten, dass die immerhin an Blauhelmeinsätzen beteiligte Armee nicht schlechter ausgerüstet und bezahlt werden dürfe als ihre Kollegen von der Polizei – die die Randalierer aber auch nur aus genau diesen Gründen wieder unter Kontrolle bringen konnte. Von diesem Ereignis handelt Salia Sanous und Seydou Boros Inszenierung, die den diesjährigen Tanz im August eröffnet. „Poussiиres de sang“ (Blutstaub) heißt das Stück, das im Juni in Frankreich bei Montpellier Danse unter freiem Himmel seine Urauffühung hatte. Der Boden ist mit hellem Staub und roter Asche bedeckt. Die Sängerin Djata Melissa Ilebou sorgt für trauernde Melancholie und singt in blutrotem Kleid eine Hymne an die Sklaven, die spätestens mit dem Besuch von Barack Oba­ma in Ghana vor wenigen Wochen wieder ins Bewusstsein der Welt gespült wurden.

Wer aber ist verantwortlich für die Sklaverei, die Millionen Afrikaner unfreiwillig nach Amerika exportierte? Und was hat das mit dem Aufstand zu tun? Die Soldateska war beteiligt, heißt es in Afrika, um die eigenen Brüder unter Waffen im Auftrag der weißen Herren in den Massenexodus zu zwingen, sie aus ungeschützten Dörfern in die Schiffsbäuche nach Amerika zu verschleppen. Auf der Bühne sieht man ein ringendes Brüderpaar wie Kain und Abel, repetitiv schwingende Köpfe, getanztes Exerzieren, eine angedeutete Hinrichtung. Sanou und Boro untersuchen hier die Tragik, die den Frieden immerzu in Gewalt umschlagen lassen kann. Aber wie stets bei Bildern von großer Allgemeingültigkeit, die auch der Europäer entziffern kann und die noch durch die singenden Musiker, die Griots, die Geschichtenerzähler, verstärkt werden, fürchtet man immer, dass diese Bilder den Blick auf Afrika auch ein wenig verstellen.

Ein sehr viel brutalerer Krieg wütet im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Er hat neun Millionen Menschen vertrieben, heute leben sie in Kinshasa, im Westen des Landes. Getrieben wird der Krieg vom Kampf um Bodenschätze, nach denen vor allem die Computerindustrie giert: Schürfrechte gegen Waffen. Gleichzeitig blüht in Kinshasa, der Hauptstadt, wie in vielen afrikanischen Großstädten eine Klubkultur, die es in sich hat. Verstärker, Gitarre, Drums sind die Ins­trumente, die zur politischen Botschaft bereitstehen und eine ohnmächtige Wut artikulieren über ein leer geblutetes Land mit fan­tas­tischen Ressourcen. Leise Töne, fast jazzig gespieltes Schlagzeug, getupfter Bass. Ndombolo heißt dieser Sound, den der in Kongo und Paris lebende Faustin Linyekula mit sieben Jungs hier auf die Bühne hievt. „More more more … future“ nennen sie ihr Programm, das genau das enthält, was auf der Verpackung steht: eine Beschwörung der Zukunft, die es nicht gibt. „Weil – morgen weiß man nicht“, heißt es immer wieder. Man ahnt die Party in Kin­shasa, die ein Leben feiert – ungewiss, ob es den nächsten Tag überleben wird, zumal man sich „in einer rechtlosen Zone“ befinde. In Kinshasa würde das nun folgende Konzert 21 Stunden dauern, sagt Faustin Linyekula, um einen „Flux“ zu erzeugen, die Körper in Bewegung zu versetzen. „Transgression“, nennt er es, „denn Kunst ist in Kinshasa nicht so wichtig. Wir wollen nur ihre Atmosphäre erschaffen. Kunst ist kein Werk, sondern vor allem der Versuch, sie zu ermöglichen.“

FaustinLinyekulaFaustin Linyekula ist Tänzer. Seit 2006 betreibt er seine Studios Kabako. Ein schmalbrüs­tiger, eher kleiner, drahtiger Mann, der in Europa eine „Carte Blanche“ genießt, also frei produzieren kann, zuletzt mit dem deutschen Choreografen Raimund Hoghe. Linyekula ist ein Benquist und gilt als Autorität in Kongo. Er versammelt Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler, um, wie er sagt, „Besseres zu verdienen als Schlagzeilen und geheucheltes Mitgefühl“. Genau darum geht es ihm – um ein anderes Bild von Afrika. Faustin Linyekulas „More more more … future“ besteht aus fünf Liedern, die Texte stammen von Antoine Vumilia Muhindo. Der zog Anfang der 1990er an der Seite der Rebellenarmee von Laurent- Dйsirй Kabila in die Regierung ein, wurde 2001 verhaftet, zum Tode verurteilt und konnte fliehen. Seine Heimat ist heute die Klubkultur. „Sieh die Dämmerung der Idole, den Tod der Ideologien. Wenn uns diese Kometen nur nicht auf den Kopf fallen“, heißt es in einem seiner Lieder. Der Mann hat Angst inmitten der Armut, über die er schreibt: „Schau dich an, du hörst nicht auf zu applaudieren/Für zwei Fische und eine Schale Reis.“ So verhalten dazu die Gitarre singt, so absichtsvoll bleiben die Tänzer im Hintergrund, die alle­samt längst in Europa angekommen sind und hier jenen Typus „Afro-Trash“ verkörpern, indem sie mit aus Tüten gebauten Kostümen die alte, in Europa noch immer beliebte Mode Afrikas zitieren, aus Müll Kinderspielzeug oder Klubkostüme zu basteln. Statt in Trance fallen sie – unter dem Druck politischer Aussage – lieber gleich zu Boden und verharren dort. So haben sie es in Europa gelernt, sagen sie. Besser umfallen statt den Aufstand üben. So sehen sie den Europäer.

SaliaNiSeydouAls die acht ihre Kostüme und Instrumente fallen lassen, in einen Lichtkreis treten und im rituellen Wechselgesang mit rhythmischem Klatschen und kurzen Tanzsoli eine Solidarität heraufbeschwören, die in einer knuffigen Rauferei mündet, erkennt man gleich wieder die geliebte Archaik, die uns bei der Compagnie Salia Nп Seydou so bekannt vorkommt. Dem tritt hier ein Herr in goldenem Glitzeranzug aber entschieden entgegen: „Couper le son!“, ruft er, die Musik aus! Für einen kurzen Moment will sich Afrika erheben gegen die „Smokings, Krawatten, die falschen Wimpern und die Stöckelschuhe. Parkt eure glänzenden Limousinen weit von hier, packt euren Champagner wieder ein, euren Kaviar und macht diese Musik für Demente aus“. Die gemeinte Musik heißt Couper Dйcaler, die Afrika derzeit in Riesenschritten erobert. Hinter dem Schlagwort verbirgt sich eine Tanzkultur als afrikanische Verballhornung des europäischen Lebensstils. Man macht auf groß, spielt den Gönner und Besserkönner – und karikiert so den weißen Mann.

Nördlich der Sahara werden die Weißen dagegen mit kompletter Ignoranz abgestraft. Der Islam hat einen sauberen Trennstrich zwischen Europa und Schwarzafrika gezogen. In Algier lebt Nacera Belaza, wenn sie nicht in Paris ihren Lebensunterhalt verdient. Bei ihr und
ihrer Schwester findet sie endlich statt, die Trance, indem die beiden „praktisch nur eine einzige Bewegung tanzen“, wie Belaza sagt, unerklärlicherweise völlig synchron und zur Musik, die auf der ganzen Welt gehört wird: Nina Simone, Amy Winehouse und Maria Callas. Ihr Stück „Le cri“ (Der Schrei) kommt ohne einen Aufschrei aus, es wirkt eher wie eine Versöhnung der islamischen Derwischtänze mit der ganzen Welt. Stumm, insistierend, scheinbar ganz ohne Botschaft und Anklage – und so, dass einem das Herz aufgeht.

Text: Arnd Wesemann
Fotos: Antoine Tempй, Laurent Philippe, Agathe Poupeney

Poussiиres de sang“ (Blutstaub)
Haus der Berliner Festspiele Adresse + Googlemap)
Fr 14.8., Sa 15.8., 20 Uhr

More more more … future
HAU 1 (Adresse + Googlemap)
Di 18.8., Mi 19.8., 19.30 Uhr

Le cri
HAU 3 (Adresse + Googlemap)
Mo 24.8., Di 25.8., 20 Uhr

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


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