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Aktion N im Heimathafen Neukölln

Aktion N im heimathafen Neukölln

Was mal der Familie Pese gehört hatte, stapelte sich im Städtischen Saalbau an der Bergstraße 147. Darunter ein Schreibtisch, ein Schreibtisch-Sessel, ein dreiteiliger Ankleideschrank und vieles mehr. In der sogenannten Vermögensverwertungs-Akte, die während der Nazizeit beim Oberfinanzpräsidenten geführt wurde, ist der gesamte Hausrat der enteigneten und ermordeten Peses fein säuberlich gelistet. Aus dem Saalbau wanderten die ehemaligen Besitztümer der jüdischen  Neuköllner Familie dann in den nächstgelegenen Trödelladen. Am Hermannplatz befand sich zum Beispiel einer.
„Jeder wusste, woher die Möbel stammten. Aber es war ganz normal, dort zu kaufen“, erzählt Stefanie Aehnelt, die Leiterin des Heimathafens Neukölln. So hat sie es aus Zeitzeugenberichten erfahren, während der Recherchen zu dem Projekt „Aktion N!“. Das forscht am Beispiel von fünf Familien nach Schicksalen aus dem Neuköllner Viertel, wo im November 1941 die Deportationen begannen. Beteiligt sind an diesem „NS-Untersuchungsausschuss“, wie sich das Unterfangen im Untertitel nennt, seit Januar Neuköllner Bürgerinnen und Bürger. Zusammen mit den Künstlern befragen sie die Vergangenheit aus möglichst vielen Perspektiven: „Wie hat das System der Enteignung und Bereichung funktioniert? Welche Rolle spielte die Justiz? Und gab es Wiedergutmachung?“ fragt Aehnelt. Im Fall der Peses zum Beispiel stieß das Heimathafen-Team im Landesarchiv Berlin auf eine umfangreiche Akte, aus der hervorging, dass nach jahrelangem Schriftverkehr den überlebenden Verwandten 1300 Euro für den geraubten Besitz zugesprochen wurden.
Nachhaltig beeindruckt haben Aehnelt Fotos von Deportationen und ihren Folgen. Wie aus einem süddeutschen Ort zum Beispiel, wo sich eine Menge von Schaulustigen versammelt hatte, um dem Abtransport der Juden zuzusehen. Ein anderes Bild zeigt eine Auktion, auf der sich die Meute um deren Habseligkeiten balgte. Das finsterste Kapitel deutscher Schnäppchenjagd – die Volksgemeinschaft als Raubgemeinschaft. Ein Zeitzeuge, dessen Vater als Sozialist anderen politischen Verfolgten während der Nazizeit bei der Flucht geholfen hatte, erzählte im „das-war-eben-so“-Ton von jenem Trödelladen am Hermannplatz. „Gegen die Nazis zu sein und trotzdem dort zu kaufen, darin hat er keinen Widerspruch gesehen“, berichtet Aehnelt.
Sie kommt auch auf das vieldiskutierte Buch der heute 90-jährigen Berlinerin Eva Sternheim-Peters zu sprechen, „Habe ich denn allein gejubelt?“ Schonungslos selbstkritisch beschreibt sie ihre jugendliche Bewunderung für die Nazis („Ich bin nicht mitgelaufen, ich bin begeistert mitgestürmt“). Was das Team auf sehr grundsätzliche Fragen gestoßen hat: Wie hätte ich mich damals verhalten?
Das Projekt, das dokumentarische Erzählung und fiktive Spielszenen verbinden wird, „hat viele Türen aufgestoßen“, sagt Aehnelt. „Und die werden sich für mich lange nicht wieder schließen“. 

Text: Patrick Wildermann

Foto: Promo

Heimathafen Neukölln Fr 11.+ Sa 12.9., Fr 25.+Sa 26.9., Karten-Tel.: 56 82 13 33

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