Theater

Alain Platels „Pitiй“ im HAU

PitieWenn „vsprs“ Suche war, dann ist „Pitiй“ Finden – Alain Platels neues Stück ist die Fortsetzung seiner zeitgenössischen Auseinandersetzung mit einem nicht sehr zeitgenössischen Thema: Die Frage nach der Religion und die faustisch-mephistophelischen Antworten darauf. Schon sein aller­erstes Stück hieß „Stabat Mater“, und alle folgenden, von „Bonjour Madame“ bis hin zu „Wolf“, handelten immer auch von der Sehnsucht nach Glauben, obwohl es doch eigentlich um soziale Ausgrenzung, um Protest, Überleben und den Tauschhandel von Zärtlichkeit und Gewalt ging. Viele dieser Stücke waren in Berlin zu sehen, wo der Choreograf eine große und treue Fangemeinde hat, die ihm bei „vsprs“ sogar bis in die Staatsoper folgte (soweit sie sich die gepfefferten Eintrittspreise leisten konnte). Dort gab es im März 2006 das letzte große Platel-Gastspiel in Berlin mit eben jenem „vsprs“, das die Oper vornehm und irreführend als „Vespero“ verkaufte, weil Monteverdi halt zieht beim Publikum der Barocktage. Doch wie jeder Schwindel rächte sich auch dieser mit Buhstürmen düpierter Zuschauer. Nun kommt Platel wie­der, diesmal ins HAU, wo er eben doch besser hinpasst.

Bei „vsprs“ „flirtete“ er (O-Ton Platel) erstmals und offensiv mit allem, was mit Bekenntnis, Erleuchtung und dem Zweifel daran zu tun hat. Musikalische Grund­lage war eine irritierend moderne Version von Monteverdis „Marien­ves­per“, die der belgische Komponist Fabrizio Cassol mit Manouche- und Jazzklängen konfrontierte, um sie vom Himmel auf die Erde zu bannen. Es war ein Abend voller Rätsel und Lücken, so wie der Titel „vsprs“, der Buchstaben ausspart, um die Leere zu markieren. Wie immer bei diesem Choreografen ging es darum, Emotionen mit dem Publikum zu teilen. Und die ungeheure Schlussapotheose, die Eks­ta­seszene aus Strafe und Rettung, bei der die Tänzer in einen anderen Zustand verfallen, der nicht gespielt, sondern tief empfunden ist – diese Szene wird allen, die sich von ihr haben aufwühlen lassen, unvergesslich sein.

PitiePitiй – Erbarme dich!“ setzt genau dort an: Die ganze Aufführung ist ein einziger Schmerzensschrei. Cassol hat Bachs „Matthäus-Passion“ noch stärker bearbeitet als seinerzeit die „Marienvesper“, um sie „nicht ausschließlich protestantisch, sondern universell“ zu machen. Bach-Kantaten, damals noch unverändert, gab es auch bei „Iets op Bach“ (1998), das vielen Kennern als größte und reifste Arbeit Platels gilt. Auch damals ging es um ein „Erbarme dich!“ für die Ausgesetzten, die sich so sehr nacheinander sehnten, dass sie es nur durchs Einanderquälen aus­drücken konnten. Und wie immer gab es kein Entweder-Oder, nur ein Sowohl-als-Auch: Noch der Schmutz konnte Schönheit bergen und die Banalität einen Rest von Grazie.
Zehn Jahre später ist Platels Welt verzweifelter, sein Blick ins Jammertal entrückter: Er beschreibt das Leben der anderen nicht mehr in Nahaufnahme, sondern wie aus der Totalen, zeigt kein buntes Mosaikbild aus neben- und ineinander laufenden Alltagsgeschichten, sondern ein wuchtiges Triptychon in Öl und düsteren Farben. Schon dass er seinen Musikheiligen Johann Sebastian Bach zur Bearbeitung „freigibt“, lässt ahnen, wie steil die Radikalitätskurve diesmal gesetzt wird.

PitieDie Tänzer spielen keine Figuren, sie spielen, sind Zustände, Wunden, Exzesse. Mit unglaubli­cher Kraft und bewundernswerter Virtuosität fliegen, taumeln, flammen sie über die Bühne wie in einem mittelalterlichen Höllensturz voll stummer Panik und bers­ten­dem Grauen. Dieser Gesamteindruck ist so stark, dass man die vielen Details, aus denen er sich zusammensetzt, beim einmaligen Sehen gar nicht erfassen kann. Wieder sind es Erniedrigte und Beleidigte mit wunden Herzen und schwärenden Narben, aber sie sind wie aus der Zeit gefallen: Sie fahren nicht mehr Autoscooter, lungern nicht mehr in Shopping-Malls oder toben über Häuserdächer wie in früheren Platel-Inszenierungen. Stattdessen gleiten sie von fiktiven Kreuzen, rammeln die Tischkante, erstarren zur Pietа oder zerren des Nächs­ten Haut wie sich selbst. Und nach wie vor ist das Leben die Falle des Todes.

Den vollständigen Artikel über „Pitiй“ im HAU lesen Sie in tip 12709 auf Seite 52/53

Text: Renate Klett
Fotos: Ursula Kaumann, Chris van der Burght

Termine: Pitiй – Erbarme dich!
im HAU 1 Berlin – Adresse und Fahrverbindung

 

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