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Alain Platels „Tauberbach“ fragt im HAU nach den Grenzen der Normalität

HAU_Tauberbach_c_ChrisVanderBurghtEs geht nicht um Unzulänglichkeiten, um „normal“ oder „unnormal“. Alain Platel erzählt allein von der Ausgrenzung – warum auch immer, mit wem auch immer diese geschieht. Und sie geschieht tagtäglich. Die Aufführung zieht einen hinein in ein  fremdes Universum, in dem das Artikulieren, das Suchen und Finden der Sprache auf einer anderen Ebene wie eine Schöpfung aus dem Nichts hör- und tatsächlich sichtbar wird.  

Estamira ist eine aus der Gesellschaft auf die Resterampe des Wohlstands Geflüchtete. Als Vorbild für Platels Bühnenfigur dient  eine gleichnamige brasilianische Müllberg-Bewohnerin, die der Dokumentarfilmer Marcos Prado 2004 einen Film lang beobachtet hat. Sie redet in Rätseln, hat sich eine eigene Sprache erfunden, mit der sie jeden vor den rational denkenden Kopf stößt. Aber da sind auch die Stimmen in ihr, ein Wechselspiel der Anfeindungen und Bitten, der Verzweiflung und die bösen Wünsche. Ihre selbst gewählte Einsamkeit bevölkert sie sich mit Hirngespinsten, Göttern gar.

Die Schauspielerin Elsie de Brauw spielt das mit einer wütenden Würde, einem von Hochmut befreiten Stolz. Um sie herum – oder nur in ihrer unberechenbaren Phantasie? – schälen sich Wesen aus dem Unrat, der die Bühne bedeckt. Diese grandiosen tanzenden Erzähler und erzählenden Tänzer brechen fast lautlos in das hermetische Reich der Frau im Müll ein. Mit jedem Moment, den sie sich verbiegend, krampfend, in Dissonanzen windend ertasten, rücken sie Estamira mehr auf die Haut, umwerben und bedrängen sie. Sie lässt es geschehen und beginnt das zwischen Schönheit und Scham, Verzerrung und Rage pulsierende Spiel nachzuahmen.

Platel zeigt hier eine von allem Kitsch freie Ästhetik des Andersseins. Klug setzt er von Gehörlosen gesungene Musik Johann Sebastian Bachs ein, die sich in den Köpfen der Sänger zu einer ganz anderen, eigenen, erdacht-erträumten Melodie formt und die wir zunächst nur als verquere, „falsche“ Töne empfangen. Und doch ist in der einsamen Emotion der einzelnen Sänger die ganze Schönheit der Musik lebendig. In „Tauberbach“ verschieben sich die Harmonien, und unsere Gesetze von Form und Perfektion, kluger Interpretation und Logik (der mathematische Bach!) lösen sich auf. Das von der Norm Abweichende, der Wider- und Einspruch in der Sprache wie im Körperlichen und im Fühlen wird für 90 Minuten zu einer ganz anderen, gültigen Grundlage für eine neue, mögliche (Un-)Ordnung.

Estamira und die aus ihrer Fremdheit in Vertrautheit wechselnden Wesen singen leise zusamen Mozart, nun angekommen nach ihrer Reise an die Ränder der Erkenntnis. Dann stehen sie stumm auf der Bühne und blicken ins Publikum, und man meint die Frage zu hören: In welche Welt folgt Ihr uns …?

Text: Bernd Noack

Foto: Chris Van der Burght

Tauberbach HAU 1, Di 4.3.–Do 6.3., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

Bernd Noack ist Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens, ­zu dem die Inszenierung ebenfalls eingeladen ist.

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