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Аlex Rigola inszeniert „2666“ an der Schaubühne

2666_c_GianmarcoBresadolaRoberto Bolaсos Romanfragment „2666“ ist ein Monster. Und das nicht nur, weil in ihm unzählige Verbrechen und die Leichen grausam ge­folterter und vergewaltigter Frauen, die in einer mexikanischen Stadt an der Grenze zu den USA auf geheimnisvolle Weise verschwinden, detailgenau beschrieben werden. Der chilenische Autor montiert nicht nur Erzählstränge und Zeiten vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart ineinander. Sein Roman scheint immer wieder zu fragen, was eigentlich Realität und was Fiktion ist. Wirklichkeit ist hier eine sehr brüchige Konstruktion. Mehr als eine Romanfigur hat Angst, wahnsinnig zu ­werden.

Der spanische Regisseur Аlex Rigola hat an der Schaubühne sehr redlich, aber über Strecken auch sehr hilflos versucht, die 1?100 Seiten von Bolaсos Roman in gut viereinhalb Theaterstunden nachzuerzählen. Seine Inszenierung macht aus dem Roman-Monster eine Theater-Routineübung, an der einzig die Länge des Abends, nicht aber die sehr konventionelle Erzählweise das Normalmaß sprengt. Anders als Castorf, dessen Romanadaptionen assoziativen Theaterfieberträumen gleichen, arbeitet sich Rigola ordentlich von Kapitel zu Kapitel, von den vier Germanisten, die einen rätselhaften deutschen Schriftsteller namens Archimboldi suchen, bis zum Grauen in der mexikanischen Grenzstadt und Archimboldis Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg.

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Das funktioniert dank eines glänzenden Ensembles zumindest an der Oberfläche gut, wenn Rigola sich im „Reader’s Digest“-Stil mit der gestrafften Nacherzählung begnügt. Jule Böwe ist als etwas zurückgebliebene Kleinstadt-Schlampe so überzeugend wie als in einen wahnsinnigen Dichter verliebte Somnambule. Urs Jucker zeichnet seinen Philosophieprofessor, der Angst hat, langsam durchzudrehen, ebenso präzise wie Regine Zimmermann ihre eigensinnige Literaturwissenschaftlerin. Aber spätestens wenn Rigola zu den Massakern und zu Tode gefolterten Frauen nicht mehr einfällt, als die Bühne mit Kreuzen vollzustellen, ist die Hilflosigkeit, für Bolaсos Roman eine theatralische Form zu finden, offenkundig.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Gianmarco Bresadola

tip-Bewertung: Annehmbar

2666 Schaubühne, Fr 23.?+?Sa 24.5., 19 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

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