Theater

Alles auf Anfang in den Sophiensaelen

Franziska_Werner_c_Katja_RennerDas Theater ist eine Baustelle. Gerade werden die Schuttberge abgeräumt und mit ihnen die Sedimente bedeutungsgeladener Vergangenheit. Die Devise: Durchlüften – und ab in die Zukunft. Die Sophiensaele in Mitte planen den Neustart. Mit rundum renovierter Spielstätte und einer neuen künstlerischer Leiterin: Franziska Werner. Anfang Dezember öffnen die Türen.
Seit Juni wurde das Theater in der Sophienstraße für 2,3 Millionen Euro aus Mitteln der Lottostiftung unter Wahrung der Denkmalschutzauflagen und Sicherheitsbestimmungen saniert. Es ging nicht darum, das Theater im ehemaligen Handwerkervereinshaus auf Hochglanz zu trimmen. Das Ziel war, für die vor 15 Jahren von Jochen Sandig, Sasha Waltz, Jo Fabian und Dirk Cieslak gegründete Bühne eine unbefristete Zulassung als Spielstätte zu bekommen. Bislang bewegte man sich im Dauerprovisorium mit limitierten Platzkapazitäten. Jetzt, so Geschäftsführerin Kerstin Müller, werden im großen Festsaal 250, im kleineren Hochzeitssaal 99 Zuschauer Platz finden. Dafür musste in Brand- und Schallschutz, Lüftungen und barrierefreien Zugang investiert werden. Und in die Bausubstanz. 2007 krachte ein großer Brocken Stuck auf die Spielfläche, zum Glück nachts nach Vorstellungsende und ohne Schauspieler zu treffen. Nun ist das Haus bis unters Dach gesichert, fortan wird auf dem Boden der Legalität gespielt. Und auf neu verlegtem Lärchenholz.

Auch künstlerisch weht ein frischer Wind. Heike Albrecht, deren Vertrag als künstlerische Leiterin Ende vergangener Spielzeit zu Recht nicht verlängert wurde, hatte das Haus an den Rand der Bedeutungslosigkeit geführt. Ihre Nachfolgerin Franziska Werner ist eine Kennerin der Berliner freien Szene. Sie arbeitet seit zehn Jahren als Produktionsdramaturgin und -leiterin für diverse Projekte und Festivals. 2005 hat sie das Künstlerkollektiv Pony Pedro mitgegründet, das für intelligente Schnittstellen-Kunst im Stadtraum stand. „Kampf auf dem Parkdeck“ am Kottbusser Tor war so eine Arbeit mit pfiffig-urbanem Appeal.

„Neue Offenheit“ formuliert Werner als Credo ihrer Intendanz. Das meint zum einen ihr Theaterverständnis: Werner interessiert sich für Hybridformate, die Kollaboration verschiedener Sparten und Genres, Performance, Tanz, Wissenschaft, bestenfalls verschmolzen zu neuen Formen. Zum anderen geht sie mit einem vernetzungswilligen Team an den Start: Der Choreograf Peter Pleyer kümmert sich um den Tanz, die Musikwissenschaftlerin Ilka Seifert um die Klangkunst. Und Bettina Sluzalek, künstlerische Betriebsdirektorin im Radialsystem, betreut ein Mentorenprogramm zur Nachwuchsförderung. Für Werner geht es dabei um „wechselseitige Impulse“, nicht um abgegrenzte Zuständigkeiten. Und zu guter Letzt liegt ihr die Vermittelbarkeit des Ganzen am Herzen, sprich: Das Publikum soll nicht ratlos vor der Nabelschau der Künstler stehen. Jochen Sandig, Gesellschafter der Sophiensaele GmbH neben Sasha Waltz und Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard, hat ein griffiges Motto für das Selbstverständnis der Sophiensaele: „Ein Haus von Künstlern für Künstler“.

Festsaal©Joe-GoergenDie neue Chefin Franziska Werner will die Balance zwischen Kontinuität und Wandel finden. Ihr Motto: „Alte Strukturen, neue Spuren“. Unter den Künstlern, mit denen sie arbeiten will, sind einige Newcomer, beim Tanz zum Beispiel Sebastian Matthias, Rodrigo Sobarzo oder Naoko Tanaka, alles hoffnungsvolle Choreografen-Youngster. Für Werner ist der Talent­anschub ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Daneben stehen vertraute Namen wie Monster Truck oder Turbo Pascal, die Choreografen Christoph Winkler und Martin Nachbar, Regisseure wie Till-Müller Klug oder Johannes Müller. Und die leuchtende Eröffnungspremiere besorgt das Sophiensaele-erprobte Regie-Duo Thorsten Lensing und Jan Hein mit Tschechows „Kirschgarten“ in prominenter Besetzung – unter anderem spielen Devid Striesow und Joachim Krуl mit.

Andere, den Sophiensaelen einst verbundene Künstler sind dem Haus mittlerweile entwachsen. Die Musiktheater-Produktionen von Nico and the Navigators würden längst den Rahmen sprengen. Für eine Rückkehr etwa von Gründungsmitglied Dirk Cieslak, der den Experimentierraum Vierte Welt am Kottbusser Tor betreibt, gibt es momentan keine Pläne. Schwierig wird es bei Künstlern wie Laurent Chйtouane oder Gintersdorfer/Klaßen, die zwischen Stadttheater und freier Szene pendeln. Sind die Sophiensaele da eine austauschbare Abspielstation? Werner sagt dazu, sie könne generell nichts mit einem Exklusivitätsanspruch anfangen. Der entspreche erstens „nicht der Realität des freien Produzierens“ mit hohem Durchlauf und Flexibilität. Und sei zweitens „Gutsherrenmentalität“.

Klar ist, dass die Sophiensaele in Berlin mit dem immer wieder innovativen, intellektuell wie finanziell potenteren HAU um Künstler, Publikum, Gelder und öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren, ebenso wie mit dem unter anderem von Sophiensaele-GmbH-Gesellschafter Jochen Sandig betriebenen Radialsystem. Die Sophiensaele, ein Privattheater mit öffentlichem Auftrag, bekommen vom Senat jährlich 750?000 Euro. Vielfach ist seitens des Hauses moniert worden, dass damit der eigene Produktionsetat fehle. Angesichts der Haushaltslage des Landes Berlin dürfte sich daran in nächster Zeit nichts ändern. Franziska Werner betont, statt zu jammern erst mal das Positive. Mit dem Geld könne man „eine tolle Infrastruktur bieten“, an den Sophiensaelen lasse es sich sehr professionell arbeiten. Auch die Konkurrenzsituation sieht sie entspannt. Mit der neuen HAU-Leitung – die Belgierin Annemarie van Ackeren folgt mit Beginn der kommenden Spielzeit auf Matthias Lilienthal – will sie reden, zum Beispiel über die Fortführung des 100 Grad Festivals, das die beiden Bühnen seit Jahren gemeinsam ausrichten. Ansonsten arbeitet Werner an Festivalformaten, die bestehende Newcomer-Plattformen wie Freischwimmer oder Tanztage ergänzen könnten. Sie kennt die Bühne seit der Eröffnung mit Sasha Waltz’ Erfolgsproduktion „Allee der Kosmonauten“ – und hat sie als einen Ort schätzen gelernt, den man auch besucht, ohne genau zu wissen, was auf dem Spielplan steht, einfach in der Gewissheit, dass dort spannende Experimente stattfinden. Dahin will sie zurück.

Die Sophiensaele in der gründlich gentrifizierten Mitte wirken wie die letzte Bastion des Freigeistigen, findet Jochen Sandig. Als Mitgesellschafter und einer von zwei künstlerischen Leitern des Radialsystems macht der Mitgründer und -gesellschafter der Sophien­saele seinem alten Haus zwangsläufig Konkurrenz. Kein Wunder, dass er betont, dass er sich aus den künstlerischen Belangen und dem laufenden Betrieb der Mitte-Bühne komplett heraushält. Auch hat er zwischenzeitliche Pläne, das Radialsystem und die Sophiensaele zu einem Tandem mit gemeinsamer künstlerischer Leitung zu verbinden, inzwischen ad acta gelegt, glücklicherweise. Die Sophiensaele sollen jetzt wieder solo glänzen. Zur Eröffnung mit einem Fest samt Führungen, Housewarming mit Bauhandwerker-Chor, Speed-Dating mit Künstlern und dem neuen Leitungsteam und der üblichen Party. An diesem Abend ist „das Haus der Star“, freut sich Franziska Werner.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Katja Renner

Sophiensaele-Fest Sophiensaele, Fr 2.12., ab 19 Uhr, Eintritt frei, www.sophiensaele.com

Der Kirschgarten Sophiensaele, Premiere: Fr 9.12., 20 Uhr

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