Diskurs

Almanya 2018

Deutsch-Türkische Zeitreisen: Das Maxim Gorki Theater untersucht die Beziehungen der beiden Länder mit einem Programmschwerpunk

Esra Rotthoff

Gut ein halbes Jahrhundert, genau 57 Jahre nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen, wirft Nurkan Erpulat mit seinem „Lö Grand Bal Almanya“ einen Blick auf die Geschichte der deutsch-türkischen Community in Deutschland: sechs Dekaden der Arbeitsmigration, besungen mit verschollen geglaubtem Liedgut. Leidenschaftliche Wanderer singen sich die Seele aus dem Leib, blamieren sich, indem sie sich in Rage reden, und suchen nach Antworten auf Fragen der migrantischen Menschheit: Warum wurde dem millionsten Gastarbeiter bei seiner Ankunft 1964 ein Moped geschenkt und kein Feuerlöscher, wie es ursprünglich geplant war? Ab welchem Mindestalter darf ein Muselmane das Bundesverdienstkreuz stolz an seiner Brust baumeln lassen? Und was geht Nazis durch den Kopf, wenn sie den eigenen Gedankengang aus dem Munde einer Migrantin aufgetischt bekommen?

Erpulats Singspiel „Lö Grand Bal Almanya“ eröffnet einen Programmschwerpunkt („Almanya 2018“), mit dem das Gorki mit Theater, Diskussionen und Performances das deutsch-türkische Verhältnis und seine Geschichte untersucht – eine Zeitreise durch die Beziehungen der beiden Länder, vom zynischen Flüchtlingsdeal bis zu Waffenlieferungen.

Als Gastspiel kommt das in der Türkei zensierte Stück „Sadece Diktatör / Nur Diktator“ ans Gorki. Eine türkische Folge der Reihe „Mythen der Wirklichkeit“ bietet unter dem Titel „Süleymankurt“ eine Plattform zur Diskussion der aktuellen Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland. „Die deutsche Tradition, von einem vorgeblich erhabenen moralischen Standpunkt aus mit dem Zeigefinger auf andere Staaten zu verweisen, soll am Gorki nicht ungebrochen fortgeführt werden. Im Gegenteil geht es darum, die deutsche wie die türkische Verantwortung für politische Verwerfungen aufzuspüren“, verspricht das Theater.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte, „Almanya 2018“, Fr 25. –  So 27.5., Eintritt 14 – 38 €

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