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Agitprop

„Gorki – Alternative für Deutschland“ im Maxim Gorki Theater

Oliver Frljić macht sich über die AfD lustig

Foto: Ute Langkafel/ Maifoto

Oliver Frljić ist einer der markanten Regisseure des politischen Theaters. Seine wütenden Inszenierungen arbeiten mit einer Dramaturgie der Polemik und Konflikteskalation, die keinen Raum für Differenzierungen lässt. Damit gelingt es ihm, immer wieder neuralgische Punkte zu treffen. In Kroatien, Polen und Serbien lösten seine Inszenierungen zuverlässig Proteste rechtpopulistischer Bewegungen aus. Zuletzt empörten sich polnische Katholiken, Nationalisten und Rechtsradikale auf Demonstrationen gegen Frljićs aggressiv antiklerikale Inszenierung „Klawa“ am Warschauer Theater Powszechny. Gegner der Aufführung drangen in das Theater ein und versprühten eine übel riechende Flüssigkeit. Frljićs Dramaturgie der Zuspitzung funktioniert als Ressentimentverstärker, der gesellschaftliche Großkonflikte wie unter einem Brennglas bündelt und die Grenzen zwischen dem geschlossenen Raum der Kunst und der politischen Intervention auflöst. Diese Aufreger-Kunst hat ihren Preis: Ästhetisch beschert sie dem Theater eine Vergröberung der Darstellungsmittel, politisch spielt sie der Eskalationsstrategie der Rechtsradikalen in die Hände.

Verglichen mit seinen osteuropäischen Arbeiten ist Frljićs erste Inszenierung am Maxim Gorki Theater von rührender Harmlosigkeit. Unter dem neckischen Titel „Gorki, Alternative für Deutschland?“ gibt sie vor, „über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert“ nachzudenken, so der pompöse Untertitel der Veranstaltung. In der Gorki-üblichen Mischung aus Kabarett, Brachial-Ironie und Frontal-Ansage gibt es zuerst ins Publikum gebrüllte Zitate von AfD-Politikern, die sich im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zum Programm des Gorki-Theaters geäußert haben – etwa mit der Befürchtung, Schauspieler ohne Migrationshintergrund könnten sich an der postmigrantischen Bühne nicht bewerben oder der Vermutung, all die ausländischen Regisseure seien nicht in der Lage, einen deutschen Klassiker ordentlich zu inszenieren. Das wird mit anderen Versatzstücken der gängigen Kritik am Gorki-Theater collagiert, vom Vorwurf des Gesinnungs­theaters bis zur Beobachtung des routiniert ausgestellten Opferstatus, der leer laufenden Wie­der­­ho­lungs­­schlei­fen der Selbst­the­matisie­rung und des thea­tralischen Verwertens der Schauspieler-Biografien. Die Gleichsetzung dieser Kritik mit der Polemik der AfD-Abgeordneten ist ein etwas plumper Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren.

Was folgt ist keine Auseinandersetzung mit den obskuren kulturpolitischen Vorstellungen der AfD, oder gar der Versuch, die gesellschaftlichen Ursachen ihres Erfolgs zu analysieren, auch wenn irgendwann etwas unvermittelt eine EU- und Establishment-kritische Rede des AfD-Hausphilosophen und Sloterdijk-Schülers Marc Jongen mit Inbrunst rezitiert wird. Aber das ist nicht mehr als ein beliebig herbeizitiertes Seitenstück der Gorki-Routine, die hier mit doppelter Ironie-Metaebene serviert wird.

Falilou Seck gibt zu Protokoll, sich als „Quotenneger“ benutzt zu fühlen. Mareike Beykirsch und Svenja Lesau müssen in einem Casting darum konkurrieren, wer von ihnen den schwierigeren persönlichen Hintergrund und deshalb den Gorki-Job verdient hat.

Später werden diverse Ängste aufgezählt, von der Angst vor Wassermassen bis zur Angst um Deutschland. Und so weiter. Der Abend ist kein Skandal, er ist egal.

Maxim Gorki Theater Karten 10 – 34 €

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