Theater

Alvis Hermanis: „Gegenwartstheater ist Trash“

Alvis_Hermanis_DvB_01_c_DavidVonBeckerAlvis Hermanis, Sie sind seit vielen Jahren einer der wichtigsten Regisseure des europäischen Theaters. Weshalb haben Sie sich entschieden, in Zukunft nur noch Opern zu inszenieren?
Ich möchte kein Theater mehr inszenieren, zumindest nicht in den nächsten Jahren. Ich habe vor einem Jahr alle geplanten Schauspielinszenierungen abgesagt. Weshalb? Das ist kompliziert. Ich bin jetzt 48, ich wollte etwas Neues beginnen. Das ist jetzt meine dritte Opern-Inszenierung. Ich genieße es, als Opernregisseur in der Situation eines Schuljungen zu sein. Ich will nicht wie ein alter, enttäuschter Theaterregisseur klingen, aber offenbar gibt es einige Missverständnisse zwischen mir und dem Theaterbetrieb. Zum Beispiel interessiere ich mich sehr und immer stärker für Geschichte. Ein Großteil des Gegenwartstheaters tut so, als gäbe es keine Geschichte. Als ich an der Schaubühne „Eugen Onegin“ von Puschkin inszeniert habe, hat jemand geschrieben: „Was gehen uns diese Leute an, die vor einem Jahrhundert gelebt haben?“ Ich habe selten so ein dummes Statement gehört.

Aber man kann ja auch dumme, arrogante Statements zum Anlass für ernsthafte Gedanken nehmen: Was gehen uns die alten Stücke an?
Das Letzte, was ich will, ist, diese Frage zu beantworten. Das wäre so sinnlos, wie mit einem Hund oder einer Katze über ein Buch zu diskutieren, das ich gerade lese. Ich will nicht arrogant klingen, aber ein Teil des heutigen Theater-Publikums ist schlicht nicht in der Lage, seriösen Inszenierungen zu folgen. Wir wissen so wenig über die Geschichte und die Geschichte der Kunst, wir alle. Das Erschreckende ist, dass viele Menschen daran nicht einmal interessiert sind. Das sind Türen, die wir nicht öffnen, vergessene Türen.

Passt sich das Theater, wenn es sich vor allem für den Moment und die eigene Gegenwart interessiert, der globalen Popindustrie an?
Das ist so. Ein Teil des Theaters richtet sich offenbar an ein Publikum, das vom Fernsehen, von Internetclips, von der Popkultur geprägt ist. Das ist ein globales Phänomen. Ich spüre das auf den Proben körperlich: Diese Szene wird nur von einem Teil des Publikums verstanden werden. Der eine Teil des Publikums ist der, der noch Bücher liest. Die anderen Zuschauer, die ihre Zeit nur noch mit Internet oder Fernsehen verbringen, haben eine völlig andere Wahrnehmung. Die Gehirne der Menschen, die Bücher lesen, können länger Konzentration aufbringen, sie können Informationen anders reflektieren. Wer sich nur über das Internet informiert, hat eher die Wahrnehmung eines Vampirs, der alles aufsaugen will. Man kann mit einer Theateraufführung, mit einer Szene, nicht beide Teile des Publikums zufriedenstellen. Man muss sich entscheiden, welchen Teil des Publikums man erreichen will. In der Oper kann man Geschichte nicht verleugnen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Opern inszeniere.

Ich nehme an, Sie meinen mit Geschichte nicht nur die politische Geschichte, sondern auch die Geschichte der Künste, die Geschichte der Mentalitäten, Weltbilder und Vorstellungswelten, oder?
Alles, jede Art von Geschichte, natürlich auch die Geschichte der Ästhetik. Im modernen Theater gibt es nur eine einzige Ästhetik, das ist ziemlich wenig. Die Ästhetik des Gegenwartstheaters ist Trash. Ein Teil des modernen Gegenwartstheaters ist eher ein Arbeitsplatz für politische Aktivisten als für Poeten und Künstler.

Na ja, es gibt Unterschiede. Es gibt intelligente und ziemlich dumme Trash-Spiele. Zwischen Castorf zum Beispiel und all seinen Imitatoren liegen Welten.
Natürlich. Der Trash hat seine Nuancen. Castorf ist ein Genie. Das Problem sind die tausend kleinen Castorfs. Eine der besten Theatererfahrungen, die ich in letzter Zeit in Berlin gemacht habe, war „Murmel Murmel“ von Herbert Fritsch. Genau so stelle ich mir das Theater zur Zeit Meyerholds vor, Dada und Biomechanik. Das ist ein schönes Beispiel für Ästhetiken, von denen wir denken, nur weil sie 100 Jahre alt sind, seien sie bloß noch interessant für Enzyklopädien. Aber „Murmel Murmel“ ist extrem faszinierend und energetisch und schön. In der Geschichte des Theaters und der Kunst gibt es so viele unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit. Wer heute als Künstler, nicht nur im Theater, Karriere machen will, muss unbedingt versuchen, besonders innovativ zu sein. Junge Künstler stehen unter einem verdammten Druck, Innovationen zu liefern. Das ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht gerade einfach. Und oft ist der Preis dieses Zwangs zur Innovation das Vergessen der Geschichte. Das ist eine Gehirnwäsche, ein Ausradieren der Erinnerung. Wenn Sie kein Gedächtnis haben, können Sie sehr einfach innovativ sein.

Die Voraussetzung dieser scheinbaren Innovation wäre dann Geschichtsvergessenheit und Naivität?
Ich glaube, Dummheit trifft es besser als Naivität. Meine 90-jährige Theaterschullehrerin sagte, dass sie Künstlern fast alles verzeihen kann, aber nicht Ignoranz gegenüber dem, was andere Künstler in der Vergangenheit geschaffen haben. Ich bin davon überzeugt, dass man sich entscheiden kann, in welcher Epoche, an welchem Ort man leben will, zumindest wenn man Bücher liest oder ins Museum geht. Romane sind Maschinen für Zeitreisen.

Was fasziniert Sie an der Opernregie?
Die Musik berührt einen an Stellen, die vorher nie so berührt wurden. In der Oper wird die Egozentrik des Regisseurs auf eine sehr gute Weise korrigiert. Die Musik, der Dirigent, die Sänger sind mindestens so wichtig wie der Regisseur. Ich versuche, der Essenz der Musik zu dienen. Vergangene Woche hatte ich ein Gespräch mit Maestro Barenboim. Er sagte, dass es ein völlig falsches Vorurteil sei, zu glauben, dass man sich in der Oper entscheiden müsse, was die Priorität ist, die Musik oder das Bild. Beides sollte eine Einheit sein. Das ist eine große Herausforderung. Wie vermeidet man es, dass Musik in der Oper nur wie ein Soundtrack wirkt? Eine der Herausforderungen ist es, den historischen Background zu respektieren, ohne dabei altmodisch zu werden, und gleichzeitig eine Verbindung zur Gegenwart zu schaffen.

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Mozarts Oper „Cosi fan tutte“, die Sie an der Komischen Oper inszenieren, handelt von einem frivolen Menschenversuch. Der „alte Philosoph“ Don Alfonso wettet mit zwei Männern, dass ihre Verlobten, zwei Schwestern, ihnen nicht treu sein werden. Die Männer verkleiden sich und verführen jeweils die Geliebte des anderen. Ist Don Alfonso ein Aufklärer oder bloß ein Zyniker, der die Kultur der Swingerclubs vorwegnimmt?
Ich glaube, dass in dieser Oper alle Figuren traurige Philosophen sind. Ich gehöre zu denen, die „Cosм fan tutte“ nicht für eine Komödie halten. Nur die komischen Effekte herauszupressen, wäre falsch. Das ist eine bittere, traurige Geschichte, eine Tragödie, in der die Menschen ihren Nächsten und sich selbst nicht trauen können.

Sie verwenden für das Bühnenbild Rokoko-Gemälde, etwa von Marivaux. Welche Bedeutung haben diese Bilder?
Das kann ich Ihnen erzählen. Die Sinnlichkeit, ich würde sogar sagen die Erotik von Mozarts Musik, hat wirklich eine Äquivalenz in diesem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert. Die unglaubliche Verfeinerung, Empfindlichkeit, Zartheit, mit der zum Beispiel die nackte Haut gemalt wurde, die Hand eines Mannes, der Nacken einer Frau – das war eine Art legaler Pornografie. Ich möchte herausfinden, wie Mozarts Musik zu diesen Gemälden passt. Bei uns spielt das Stück in unseren Tagen, in Deutschland, in einer Werkstatt, in der alte Gemälde restauriert werden. Mozarts Figuren arbeiten in dieser Werkstatt. So vermischen wir zwei Wirklichkeiten.

Sind Sie in Ihrer Arbeit selbst ein Restaurateur, der die Schönheiten der Vergangenheit vor der Zerstörung und dem Zerfall bewahrt?
Ich identifiziere mich vielleicht eher mit einem Archäologen. Der große russische Regisseur Anatolij Wassiljew hat es sehr direkt gesagt: Er inszeniere Stücke des 18. Jahrhunderts, weil ihn die Menschen des 21. Jahrhunderts nicht interessieren. Die Menschen, die einem auf der Straße begegnen, sind für ihn komplett uninteressant.

Stimmen Sie ihm zu?
Ich kann verstehen, was er meint. Ich muss zugeben, dass ich ihm manchmal zustimme, zu etwa 99 Prozent (lacht).

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

Cosм fan tutte Komische Oper, So 3.11., 18 Uhr; Sa 9., Fr 15.11., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 47 99 74 00

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