Theater

And the winner is …

Ein Jahr lang sind sieben Theaterkritiker im Auftrag des Wahren, Guten und Schönen sowie des Theatertreffens leicht manisch durch Deutschland, Österreich und die Schweiz getingelt. Sie haben die Freuden von Ketten-Hotels, zahllose Restaurants des Grauens, Zugverspätungen und die Finessen der Spesenabrechnung nach den Regularien der Bundesreisekostenverordnung kennengelernt. Letzteres ist eine Erfahrung, die man sich als Mischung aus Kafka-Lektüre und Steuererklärung vorstellen muss. Vor allem aber haben sie exzessiv gemacht, was Theaterkritiker nach Einbruch der Dunkelheit halt so machen: Sie haben sich eine Theatervorstellung nach der anderen gegeben, insgesamt 395 Inszenierungen in 71 Städten. Das hat unter anderem den Vorteil, dass man bei Bedarf problemlos ein paar Wochen sein Privatleben samt ehelichen Pflichten schwänzen und die eigene Theaterliebe einem Belastungstest unterziehen kann. Wer nach dieser Überdosis immer noch gerne ins Theater geht, hängt offenbar echt an der Kunst wie an einer Droge und ist vermutlich leicht soziophob oder sonstwie gestört.

Einer dieser Gestörten war ich. Deshalb kann ich Ihnen auch völlig objektiv versichern, dass wir in diesem Jahr eine hervorragende und selbstverständlich über jeden Zweifel erhabene Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Spielzeit getroffen haben, Aufführungen mit Kindern und einem 100-Jährigen, mit Tieren und notfalls auch ohne Menschen und nur mit Computern, Theater mit und ohne Sinn. Als da wären: „Amphitryon und sein Doppelgänger“ nach Kleist, Regie: Karin Henkel (Schauspielhaus Zürich), „Die Geschichte von Kaspar Hauser“, Regie: Alvis Hermanis (ebenfalls aus Zürich), „Die letzten Zeugen“, Einrichtung: Matthias Hartmann (Burgtheater Wien), „Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer, Regie: Susanne Kennedy (Münchner Kammerspiele), „Ohne Titel Nr. 1“, Regie und Genie: Herbert Fritsch (Volksbühne Berlin), „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow, Regie: Robert Borgmann (Schauspiel Stuttgart), „Reise ans Ende der Nacht“ von Louis-Ferdinand Cйline, Regie: Frank Castorf (Residenztheater München), „Situation Rooms“, Konzept und Regie: Rimini Protokoll (Ruhrtriennale/HAU u.?a.), „Tauberbach“, Regie: Alain Platel (Münchner Kammerspiele) , „Zement“ von Heiner Müller, Regie: Dimiter Gotscheff (Residenztheater München). Der Vorverkauf beginnt am 12. April.

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