Theater

And the Winner is…

Theater-Berlin bleibt Provinz, zumindest wenn man der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ glauben will. 44 Kritiker haben, natürlich absolut objektiv, gerecht und im Stand göttlicher Allwissenheit, das Theater, die Schauspieler, Regisseure und neue Stücke des Jahres gewählt. Uneinholbar weit vorn: Johan Simons Münchner Kammerspiele, gefolgt von Karin Beiers Schauspiel Köln. Schauspielerin des Jahres ist die tolle Sandra Hüller, Schauspieler des Jahres ist Steven Scharf, beide an den Münchner Kammerspielen engagiert.

Nachwuchsregisseurin ist, völlig verdient, Susanne Kennedy für ihre kluge, hochstilisierte Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“, ebenfalls an den Münchner Kammerspielen. Eine der wenigen Kategorien, in der eine Berliner Produktion abräumte, war bezeichnenderweise eine Veranstaltung des sehr zuckrigen Kunst- und Gunstgewerbes: Einige Kritiker hielten Andrea Schaads Kostüme in Kriegenburgs „Sklaven“-Inszenierung am Deutschen Theater für das Spitzenprodukt der Saison, ohne sich weiter daran zu stören, dass es sich dabei um detailgetreue  Kopien von Arbeiten des Künstlers Leigh Bowery handelt. Dafür, dass Berlin in Kritikerumfrageperspektive nicht ganz in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, sorgen das HAU mit der Koproduktion von Jerome Bels in mehreren Kategorien genannter Inszenierung „Disabled Theater“ und die, ebenfalls völlig zu Recht, als Nachwuchsautorin des Jahres gewählte Marianna Salzmann, deren Stück „Muttersprache Mameloschn“ in einer schönen Inszenierung am Deutschen Theater zu sehen ist.

Dafür, dass Berlin auch in der Kategorie „Ärgernis des Jahres“ wettbewerbsfähig ist, sorgen die schrulligen Freunde der politischen Korrektheit, die sich im Verein Bühnenwatch der eigenen Bedeutung versichern.

Ebenfalls im zuverlässig lesenswerten Jahrbuch: Gut recherchierte Essays über Theaterkünstler als Marktteilnehmer (dummerweise schrumpfen an diesem Markt trotz Überhitzung seit Jahren die Umsätze) und ein Interview mit den Intendanten Karin Beier, Stefan Bachmann und Armin Petras, bei dem, uncharmanterweise ohne Quellennennung, ausgiebig aus einem tip-Interview mit Petras zitiert wird.

Theater heute Jahrbuch 2013, ?194 Seiten, 24,80 Euro

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