• Kultur
  • Theater
  • Andreas Kriegenburg inszeniert „Aus der Zeit fallen“ am Deutschen Theater

Theater

Andreas Kriegenburg inszeniert „Aus der Zeit fallen“ am Deutschen Theater

AusDerZeitFallen_c_ArnoDeclairSeit drei Jahren hatte er an einem Roman geschrieben, der von der Angst einer Mutter erzählte, ihr Sohn könnte während seinem Militärdienst in den besetzten Gebieten fallen. Grossmanns Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ist eine so bittere wie genaue, zutiefst menschenfreundliche Analyse der Geschichte und Gegenwarts Israels und dessen, welche Spuren, Ängste, Verhärtungen der latente oder offene Krieg als Dauerzustand in den Menschen wie in der Gesellschaft hinterlässt. Im August 2006 ist der Schriftsteller mit der Arbeit an diesem Roman fast fertig, als er die Mitteilung erhält, dass ihm selbst das widerfahren ist, wovor seine Romanfigur die größte Angst hat: In den letzten Tagen des Libanon-Krieges wurde David Grossmans Sohn Uri, der seinen Wehrdienst in der israelischen Armee ableistete, von einer Rakete der Hisbollah getötet.

Grossman hat seinen Roman zu Ende geschrieben. Und er hat einige Jahre später einen Text der Trauer, des Schmerzes angesichts des sinnlosen Todes seines Sohns geschrieben, ein ratloses, verzweifeltes Selbstgespräch, nicht unmittelbar autobiografisch und doch unverkennbar der Versuch, schreibend auf eine schreckliche Erfahrung zu reagieren. In dieser Stimmencollage mit dem Titel „Aus der Zeit fallen“ begegnen wir anderen Trauernden, die ihre Kinder verloren haben, einem Schuster, der sich selbst verletzt, um den seelischen Schmerz ertragen zu können, einem halb wahnsinnig gewordenen Lehrer. Der Erzähler scheint sich in mehrere Figuren aufgespalten zu haben: Ein Chronist, der diese Geschichten des Verlusts festhält. Ein Mann, der sich zu seinem Kind ins Totenreich aufmacht. Ein „Zentauer“ genannter Mann, der sich im Kinderzimmer seines Sohnes vor der Welt verkriecht als würde er sich weigern, weiter zu leben, hoffnungslos eingesponnen, gefangen im Geflecht seiner Erinnerungen.

Weiterlesen: Frank Castorf über seine Balzac-Inszenierung „La Cousine Bette“  

Jetzt hat Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater versucht, diesen Text der Klage und der Trauer für die Bühne zu entdecken. Dabei verhebt er sich sehr in den gestalterischen Mitteln. Wo Grossman genau und nüchtern ist, neigt Kriegenburg zu Pathosformeln und einem trivialsurrealistischen Bilderteppich. Weil es im Text einmal heißt, der Trauernde baumle zwischen den Toten und den Lebenden, schweben zu Beginn der dreieinhalbstündigen Vorstellung kleine Teelichter wie bei einem Begräbnisritual gen Bühnenhimmel. Auch die Figuren, denen der Trauernde im Lauf seiner Reise ins Totenreich begegnen wird, schweben zu Beginn neckisch ein paar Meter über dem Bühnenboden. In diesem bebilderungsseligen Stil geht es weiter.

Weil der Trauernde als der „gehende Mann“ keine Ruhe findet, muss Matthias Neukirch während der gesamten Vorstellung endlos im Kreis gehen, immer schön in Gegenrichtung zur gemächlichen Bewegung der Drehbühne. Als Chronist sieht Bernd Moss im altmodischen Anzug wie die Karikatur eines Journalisten aus alten Filmen aus – eine Witzfigur. Ins Groteske verrutscht der Zentauer (Jörg Pose), mit dünnen Seilen wie mit Spinnweben an seinen Schreibtusch im zugerümpelten Kinderzimmer-Gefängnis gefesselt. Es versteht sich, dass auch die anderen Figuren dieser Ausstattungsoper eher aufgetakelte Bilderbuchgestalten, pseudopoetische Exoten als Menschen sind, die in ihrem Schmerz nicht wissen, wie sie weiterleben können. Vollends albern wird es, wenn die Figuren mittels schwarzen Klebebands aneinander und an ihre Toten gefesselt werden.

Und weil das ja alles so existentiell ist, müssen sich die armen Darsteller am Ende auch noch ausziehen und dekorativ vor der dunklem Rückwand des Bühnenkessels stehen. Im naiven Stolz auf seine bunten Ausstattungskünste, die vom Zuschauer am liebsten mit großen Kinderaugen bestaunt werden wollen, entsorgt Kriegenburg den schmerzhaften Stoff in den Kitsch des auftrumpfenden Oberflächendekors und das Gewusel eines sich sehr zäh dahinschleppenden Abends.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Uninteressant

Aus der Zeit fallen Deutsches Theater, So 29.12., 19 Uhr, Do 2.1., 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 28 44 12 25 

Mehr über Cookies erfahren