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„Angst essen Deutschland auf“ an der Schaubühne

Angst_essen_Deutschland_aufWeshalb inszenieren Sie 30 Jahre nach seinem Tod einen Theaterabend über Rainer Werner Fassbinder?
PATRICK WENGENROTH
Wir wollen mit den Schauspielern und dem Publikum überprüfen, was von Fassbinders Unbehagen, speziell beim Phänomen Deutschland und der Nachkriegsgesellschaft, heute übrig ist. Er setzt sich akribisch, manisch mit deutscher Geschichte auseinander. Er zieht die großen Linien, vom Dritten Reich über den Deutschen Herbst der Schleyer-Entführung und der toten RAF-Leute in Stammheim 1977 bis zur gescheiterten deutschen Revolution 1848. Das sind Sachen, die man thematisieren muss, finde ich. Besonders der erste Film interessiert mich, „Liebe ist kälter als der Tod“. Kann man sich auf eine freie Art und Weise begegnen oder landet man zwangsläufig auf so kleinen Inselchen wie einer Ehe? Inwieweit läuft eine Beziehung, sei es eine Liebesbeziehung, sei es im großen gesellschaftlichen Rahmen, immer auf Unterdrückung und Ausbeutung hinaus?

In einem Fassbinder-Film heißt es einmal: Zu einer echten Liebe gehört immer ein echter Schmerz.

Genau. Bei Fassbinder gehören Sadismus und Masochismus zur Mechanik einer Beziehung. Der Schmerz hat ihn immer sehr interessiert.

Landet ein Abend über eine Kultur- und Subkultur-Ikone wie Fassbinder nicht schnell in der Nostalgie-Falle?

Ich würde eher sagen, es gibt ein großes Melancholie-Risiko. Das ist auch Teil des Spiels. Ich wirke selber mit, und bei mir gibt es sicher ein großes Identifikationsmoment, mit dem man auch spielen kann. Ich werde nächstes Jahr 37, dann müsste ich an einer Überdosis sterben, wenn ich diese Identifikation weiter treibe. Mein Leben ist anders, zwei Kinder, verheiratet, Kreuzberger Bionade-Biedermeier …
Sogar Schaubühnen-Bionade-Biedermeier…

Ja, noch schlimmer. Ist es besser, sich freiwillig in solche Bürgerlichkeiten einzuzwängen oder wie Fassbinder intensiv zu leben und schnell zu verglühen? Das war schon meine Frage bei meiner „Christiane F.“-Inszenierung.

Ist das nicht etwas kitschiger und eher ungesunder Künstler-Romantizismus? Vielleicht ist es ja einfach ein besseres Leben, wenn man sich nicht wie Christiane F. oder Fassbinder selbstzerstörerisch mit Drogen wegschießt?

Das ist die Frage. Wobei Fassbinder im Kopf immer sehr wach ist. Auch wenn er, vermeintlich völlig breit von was auch immer, Drehbücher diktiert, Regie führt oder Interviews gibt, ist er in seinen gedanklichen Strukturen so prägnant und genau, dass ich immer denke, dass die Drogen eine Kompensation für diese gedankliche Klarheit sind. Oder einfach ein Trick, um nächtelang arbeiten zu können und in diesem Tempo so viele Filme zu machen.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Heiko Schaefer

Angst essen Deutschland auf: Termine

an der Schaubühne,
z.B. Do 10. (Premiere), Sa 12., So 13.1., 20.30 Uhr,
Karten-Tel. 89 00 23

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