Theater

Anna Prohaska in „Le vin herbй“

Anna_ProhaskaEinmal Isolde sein! Am Sänger-Traum der ultimativen Wagner-Kanone sind schon manche Sängerkarrieren zerbrochen. Zu schwer, zu hoch, zu lang. Für Isolde-Sängerinnen ohne Selbstmordabsicht schrieb daher der Schweizer Komponist Frank Martin (1890-1974) eine eigene, leichtere und originelle Variante, „Le vin herbй“ („Der Zaubertrank“), entstanden im Zweiten Weltkrieg. Den Weg auf die Bühne findet das Oratorium selten. Schon 2002 versuchte sich die Zeitgenössische Oper im Hebbel-Theater an dem Stoff. Jetzt tut Jürgen Flimm an der Staatsoper wieder einmal so, als sei er der Erste. Immerhin: eine Wiederbegegnung wert! Und mit Anna Prohaska singt die Hauptrolle die vielleicht erfreulichste Ensemble-Hausgeburt, seit Daniel Barenboim anfing in Berlin.

Spross einer Musikerdynastie
Anna Prohaska freilich gleicht eher einem Handtaschenrevolver als einem Wagner-Sturmgeschütz. Der 1983 geborene Spross einer österreichischen Musiker-Dynastie wuchs in Wien-Hietzing in just jenen Räumen auf, in denen Johann Strauß junior die Rolle des Stubenmädchens Adele für die „Fledermaus“ komponierte. Im Salon von Urgroßmutter Prohaska verkehrten Brahms und Alban Berg. Das alles muss abgefärbt haben. Anna Prohaska neigt eher zum Kieksen als zum Geifern. „Ich hatte nie eine typische, behauchte Mädchenstimme und wollte als Kind im Knabenchor singen“, sagt die Sängerin. Noch während des Studiums an der Eisler-Hochschule debütierte sie 17-jährig an der Komischen Oper. Seit 2006 singt sie im Ensemble der Staatsoper. In Thalheimers „Entführung aus dem Serail“ sang sie das Blondchen. Bei Schlingensiefs „Kunst und Gemüse“ (Volksbühne) und Kusejs „Carmen“ war sie dabei.
Anna_ProhaskaReifen statt verheizen
„Le vin herbй“ ist die einzige Premiere, in der Prohaska in dieser und der kommenden Spielzeit zu sehen ist.
Obwohl sich die Staatsoper sogar auf dem Cover ihrer neuen Saison-Vorschau mit dem schwarzen Engel schmückt. Ein gutes Zeichen dafür, dass man bei Barenboim im Ensemble reifen kann, ohne vorzeitig verheizt zu werden. Und es zeigt, dass Prohaska zu den wenigen international gefragten Künstlern zählt, die das geschützte, auch schlechter bezahlte Ensemble-Dasein der freien, lukrativeren Wildbahn des Gastierens vorziehen.

„Immerhin habe ich so auch schon seit vielen Jahren in die Rentenkasse eingezahlt“, lacht Prohaska. Sie weiß, dass an der Mentalität des schnellen Euro – ebenso wie an zu schweren Rollen – schon etliche Sängerkarrieren zerbrochen sind. Weil die jungen Sänger auf diese Weise ihr sängerisches Kapital verfrüht verschleudern. Vielleicht zeigt sich am maßvollen Einsatz der Karrierebremse auch nur, dass die just 30-Jährige mit dem Opernzirkus fremdelt. Privat hört sie lieber Härteres wie Daft Punk oder Arcade Fire und The Decemberists. Ihre eigenen beiden Solo-CDs bei der Deutschen Grammophon („Sirиne“ und „Enchanted Forest“) waren derart überkomplex und ungewöhnlich, dass sie an jeder Ecke der hier miteinander kombinierten Komponisten hätte scheitern können.

Erst mit diesen Aufnahmen realisierte man, was für eine farbsatte, sinnliche, bewegte Stimme Prohaska hat. Nicht soubrettig spitz und flach. Sondern prallvoll und changierend. Eine ideale Schallplattenstimme. Eine super Darstellerin gewiss auch für Katie Mitchells erste Inszenierung ohne Video. Die britische Regisseurin lässt „Le vin herbй“ in einem ausgebombten Hotel in der Normandie spielen. Als antideutschen Gegenentwurf zur sämtlichen Wagnerei. Anna Prohaska als Rampenverführerin mit Kussmund und Schlafzimmerblick wird darin gewiss eine überzeitlich lockende „Isolde light“. Das unverbogen Liederliche, kindlich Verführende liegt ihr wie kaum einer anderen Sängerin auf der Welt.

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Gregor Hohenberg, Monika Rittershaus

LE VIN HERBЙ: Termine
Staatsoper im Schiller-Theater,
u.a. am Sa 25.5., Mi 29.5., Sa 1.6., Fr 7.6., So 9.6., Do 13.6., jeweils 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

 

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