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Anne Tismer inszeniert „Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie“

„Ich hab ein Zeug geträumt, das kann man sich nicht vorstellen“, sagt einer der sechs Freunde. Das Ess-Service ist aus Wolle gestrickt, das Essen auch. Die Getränke schmecken nach Wasser vom Abwasch. Die Dinner-Tafel muss im Lauf des Abends unzählige Male neu gedeckt werden, stets kommt dem Abendessen etwas in die Quere. Die sechs Freunde schwärmen im Pappmaschee-Auto über die Bühne oder schweben in Astronautenoutfits. Man fragt sich kurz, ob das nicht eine Spur klischeehaft sei: „Behinderte“ Schauspieler (das Thikwa ist ein inklusives Theater, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten) in diesem leicht naiven Setting zu inszenieren.

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Regisseurin Anne Tismer, vielen noch vor Augen als Nora an der Schaubühne, versteht es aber, solche Erwartungen zu unterlaufen: In die wortwörtlich naiv gestrickte Welt dringen Störeffekte ein. Da ist der geschminkte Junge im großprojizierten Video, der vor seinem Stiefvater marschieren muss: „Damit du dein Leben in den Griff kriegst.“ Er fordert den Jungen auf, seinen Widersacher mit Arsen zu vergiften. Die Dinnerparty wird vom Militär gesprengt, mit gestrickten MGs, aber brutalen Schusssalven. Die Freunde verhaftet und foltert man, einem stößt man Strom durch den Körper.

Und dann hat es das Stück, angelehnt an Luis Buсuels Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ von 1972, eben doch eindringlich gezeigt: dass die Logik der Träume und die der Albträume nahe beieinanderliegen. Und dass jede Perspektive auf die Welt diese Welt größer macht.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: David Baltzer

tip-Bewertung: Sehenswert

Der diskrete Schwarm der Bourgeoisie Theater Thikwa, bis 1.2., tgl. 20 Uhr, Karten-Tel. 695 05 09 22 

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