Theater

„Annettes Daschsalon“ im Radialsystem in Berlin

Annettes DaschsalonWie viele Erfolgsgeschichten beginnt auch die von Annettes Daschsalon bei einer Flasche Rotwein am Küchentisch. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass sich Folkert Uhde, einer der beiden künstlerischen Leiter des Radialsystems, und die Opernsängerin Annette Dasch zusammensetzten, um über eine neue Darreichungsform für das klassische Kunstlied nachzudenken. Der Wein war offenbar gut, denn das Ergebnis schlug in der Berliner Klassikszene ein wie ein Meteorit: Schon der erste Daschsalon im Januar 2008 fand vor rappelvollem Haus statt, und für jede neue Folge gehen die Karten im Vorverkauf weg wie geschnitten Brot. Inzwischen gibt es sogar Pläne, mit dem Erfolgsformat auf Reisen zu gehen: Das Bonner Beethovenfest hat angefragt, auch Wien ist sehr interessiert.
Zusammengeführt hatte die Ber­liner Soprandiva und den Manager des Radialsystems die gemeinsame Sorge um eine bedrohte Art: „Wir wollten ein neues Konzept für den klassischen Liederabend entwickeln, der inzwischen zu einer Randerscheinung des Konzert­betriebs geworden ist“, erklärt Uhde. Und da sei die Idee aufgekommen, den klassischen bürgerlichen Salon wiederzubeleben – den Rahmen, für den die Lieder von Schubert, Schumann und Brahms ursprünglich gedacht waren und in dem sie bis Mitte des vorigen Jahrhunderts auch hauptsächlich gesungen wur­den.
Salon, das heißt vor allem die Auflösung der Schranke zwischen Publikum und Künstlern zuguns­ten einer familiären, informelleren Atmosphäre – ein Anliegen, das übrigens von der Barock-Lounge bis zum Nachtkonzert auch etliche andere Konzertserien des Radialsystems prägt. Freilich nirgends so konsequent wie im Dasch­salon: Schon eine Stunde vor dem Einlass in die Haupthalle laden Dasch und ihre musikbegeisterte Familie zum gemeinsamen Sonntagnachmittagstee ins Radialsys­tem. Jeder darf mit der Diva plaudern und auf seinen Daschzettel seine Liedwünsche für den nächsten Salon abgeben, und wer will, bekommt sogar einen passenden Laienchor in seinem Wohnumfeld vermittelt. Später darf das Publikum sogar selbst Kunst machen: Wenn Dasch zur Gitarre greift, ist Mitsingen angesagt, und während der Text von Volksliedern wie „Guter Mond, Du gehst so stille“ auf Großleinwand projiziert wird, singt das ganze Haus mit einer Inbrunst, die man sonst nur von Gottesdiensten kennt.

Text: Jörg Königsdorf

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 01/09.

Annettes Daschsalon, Radialsystem V, Holzmarktstraße 33, Berlin-Friedrichshain, Sonntag, 28.12.08 um 15 Uhr

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