Geschichte

Jüdische Theaterkünstler

Anita Feinberg untersucht die Lebenswege jüdischer Theaterkünstler, die nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten

Foto: Wallstein Verlag (Cover)

Im September 1945, wenige Monate nach Kriegsende, erscheint in der deutschsprachigen New Yorker Zeitschrift „Aufbau“ ein emphatischer Aufruf. Der Regisseur Gustav von Wangenheim, eben erst aus der Emigration zurückgekehrt und im zerstörten Berlin zum Intendanten des Deutschen Theaters berufen, fordert emigrierte Schauspieler und Regisseure zur Mitarbeit an einem neuen, humanistischen Theater auf: „Ihr, die Ihr fern der Heimat lebt, seid Ihr bereit, trotz aller Schwierigkeiten beim Wiederaufbau mitzuhelfen? Dann kommt! Alles, was wir erträumten, können wir jetzt schaffen, auch aus dem Nichts.“ In dem Aufbruchspathos klingt die große Hoffnung auf einen Neubeginn an. Dazu gehört die unbedingte Überzeugung des Berliner Intendanten, dass gerade dem Theater beim Wiederaufbau eines besseren, demokratischen Deutschland eine wichtige Rolle zukomme. Viele der vor den Nationalsozialisten ins Exil geflohenen Theaterkünstler teilten diesen kämpferischen Optimismus. Das Theater schien für einen Moment zu einem der zentralen Orte gesellschaftlicher Selbstverständigung werden zu können.

Anat Feinberg, Theaterwissenschaftlerin und Honorarprofessorin für Jüdische Literatur in Heidelberg, hat in einer sorgfältig recherchierten Studie die Wege jüdischer Theaterkünstler nachgezeichnet, die nach 1945 nach Deutschland, Ost wie West, zurückgekehrt sind. Die Liebe zu ihrem Beruf und die Überzeugung, zum notwendigen Neubeginn des (vom NS-Regime missbrauchten, für Propaganda- und Ablenkungszwecke instrumentalisierten) Theaters beitragen zu müssen, schien zumindest in den Monaten der Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, größer als der Schrecken angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen.

Was die Rückkehrer im Nachkriegsdeutschland erlebten, war zum Teil bitter. „Kein Triumphbogen erwartet einen, kein Empfangskomitee, kein Mitleid, kein Mitgefühl“, notiert der Liedtexter und Drehbuchautor Max Colpet – deutsche Willkommenskultur der Nachkriegszeit. Die Schauspielerin Therese Giehse sagt nur lakonisch „daheim“, als ihr und dem Bühnenbildner Teo Otto in den 1950er Jahren auf dem Münchner Oktoberfest Betrunkene entgegenkommen, die Nazi-Lieder gröhlen. Als Lilli Palmer, ein Star jener Jahre, 1954 für Dreharbeiten in München ist, konstatiert sie, dass niemand sie fragte, wie es sich anfühlt, wieder in Deutschland zu sein: „Anscheinend wollte es niemand wissen.“ Elisabeth Bergner, ein Star des Vorkriegstheaters, bricht 1949 eine Tournee vorzeitig ab und verlässt Deutschland wieder. Ihre Beobachtung: „Die Deutschen zeigen keine Reue und sind der Meinung, dass sie einfach Pech hatten. Der Antisemitismus ist geblieben.“

Mit der Verpanzerung gegen Mitgefühl mit den Geflüchteten und in die fremd gewordene Heimat Zurückgekehrten korrespondiert der Hang zum Selbstmitleid, etwa unter Theaterkollegen, die sich mehr oder weniger problemlos mit den Nazis arrangiert hatten. Der Schauspieler Paul Walter Jakob bekommt nach der Rückkehr aus der Emigration in Argentinien von einem Berliner Intendanten erst ungefragt das „Du“ aufgedrängt und kann sich dann anhören, dass es „hier … nicht sehr schön war, viele Jahre hindurch“. Die Mitläufer sehen sich am liebsten als Hauptopfer.
Was Feinbergs Studie leistet, ist nicht weniger, als Erinnerungsarbeit – und der Versuch, die vor den Nationalsozialisten geflohenen Künstler vor dem Vergessen zu bewahren.

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