Tragödie

„Antigone und Ödipus“ am Maxim Gorki Theater

„Am Ende sind alle tot“ – Ersan Mondtag über seine Inszenierung „Antigone und Ödipus“ am Maxim Gorki Theater

tip Seit Ihrer Einladung zum letzten Theatertreffen sind Sie wahrscheinlich der am stärksten gehypte junge Regisseur. Hat sich Ihr Leben dadurch geändert?
Ersan Mondtag Ein Hype findet nur in den Medien statt, davon bekomme ich im Alltag nichts mit. Meine Verträge mit den großen Häusern hatte ich schon vor dem Theatertreffen, darüber bin ich ganz froh. Man darf auf keinen Fall den Fehler machen, sich durch solche Hypes zu definieren. Ich weiß auch, dass das wieder aufhört. Irgendwann wird man vielleicht gehasst oder gedisst, dazu braucht man dann genau so Abstand wie jetzt zum Hype, wenn es den überhaupt noch gibt. Ich gebe mir Mühe mit meinen Arbeiten, mehr kann ich nicht tun. Es gibt immer das Risiko, komplett zu scheitern. Das ist okay, anders geht es überhaupt nicht. Diesen Mut zum möglichen Scheitern hat mich die Volksbühne gelehrt. Damit hat man eine ganz andere Freiheit.

tip Sie waren Regie-Assistent bei Vegard Vinge, als er im Prater inszeniert hat. Hat Sie die Volksbühne als Regisseur geprägt?
Ersan Mondtag Ich bin da als Hospitant bei einer Castorf-Inszenierung reingerutscht, da habe ich Bert Neumann kennen gelernt. Ich glaube, er war mein wichtigster Lehrer. Von Bert Neumann konnte man lernen, eine souveräne Haltung zu haben und sie auch mit großer Konsequenz zu vertreten. Was ich an ihm so toll fand: dass er bei seinen Bühnen nicht bereit war, irgendwelche Kompromisse zu machen. Ich habe nach der Arbeit als Vinges Regie-Assistent etwa ein Jahr gebraucht, bevor ich irgendeine andere Art von Theater wieder ernst nehmen konnte. Das war ein echtes Problem, als ich in München Regie studiert habe.

tip Weshalb inszenieren Sie jetzt am Maxim Gorki Theater eine antike Tragödie, „Antigone“?
Ersan Mondtag Ich erzähle die ganze Familiengeschichte, deshalb heißt der Abend „Antigone und Ödipus“. Es beginnt mit der Geburt von Ödipus, und geht bis zum Tod der Antigone, die Tochter, die Ödipus mit seiner eigenen Mutter gezeugt hat. Der Vater von Ödipus vergeht sich an seinem Kind. Ihm wird prophezeit, dass sein Sohn ihn zur Strafe töten und die Mutter zur Frau nehmen wird. Dann wird die Pest ausbrechen.

tip Was reizt Sie an der Form der antiken Tragödie?
Ersan Mondtag Ich finde als Theatermacher fast kindlich-naiv erzählte Geschichten gut. Das sind große, dramatische Momente, wenn sich Ödipus die Augen aussticht, als er erkennt, was er getan hat. Es gibt mehrere Suizide, die Pest bricht aus. Das ist ein reichhaltiger Stoff, der nichts mit Alltagspsychologie und Alltagsproblemen zu tun hat. Das sind eigentlich keine Menschen, das sind Stellvertreter, das sind Denksysteme und extreme Haltungen, die durchgespielt werden. Was mich an antiken Stoffen anzieht, ist die Größe der Themen. Bei psychologisch-realistischen Stücken ist das Format kleiner. Ein Stoff wie „Antigone“ hat die Menschen über Jahrhunderte beschäftigt. Von Hegel und Hölderlin bis hin zu Slavoj Žižek haben sich die unterschiedlichsten Denker damit auseinandergesetzt, das ist ungeheures Reservoir. Alles, was der Mensch an Möglichkeiten hat, in seinen Konflikten, im Guten wie im Schrecklichen, hat die Antike in irgendeiner Form, in den Figuren und Texten der Tragödien, schon formuliert. Was mich am Prinzip der Tragödie so fasziniert, ist das total fatalistische Weltbild. Egal was man tut, man kann dem tragischen Schicksal nicht entkommen.

tip Das ist das Gegenteil unseres modernen Glaubens, dass wir als aufgeklärte westliche Menschen allein für unser Leben verantwortlich sind und unsere Biographien selbst in der Hand haben.
Ersan Mondtag Ja, die Figuren können nicht anders handeln, sie müssen scheitern. Das Verhängnis dieser Familie setzt sich über drei Generationen fort, und am Ende sind alle tot, die Familie ist ausgelöscht. Mit der Geburt von Ödipus beginnt die Katastrophe. Ich habe zu diesen Figuren und ihrem Leiden im Augenblick überhaupt keinen emotionalen Zugang, vielleicht kommt das noch. Im Augenblick interessiert mich nur die Struktur. Bei uns stehen lauter alte Menschen auf der Bühne, das sind alles 90-Jährige, die diese antiken Figuren spielen.

tip Sind sie so alt, weil sie aus der Antike kommen und schon so lange da sind?
Ersan Mondtag Das sind Menschen, die in sehr verschiedenen Zeiten „Antigone“ aufgeführt haben und jetzt bei uns sind. Aus dem Ende von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ haben wir einen Text von Ophelia genommen. Das spricht die Antigone-Darstellerin, sie kann nicht mehr Antigone sein. Antigone will nicht mehr mitmachen, das hat alles keinen Sinn mehr für sie, es hat mit ihr nichts zu tun.

tip Bei Heiner Müller wird Ophelia von einer Opferfigur zu einer nihilistischen Revolutionärin: „Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.“
Ersan Mondtag Genau, sie wird wie Antigone zu einer aktiven Figur, das finde ich wichtig. Man versteht Antigone falsch, wenn man sie nur als Opfer sieht, als große Trauernde, der Unrecht geschieht, weil sie ihren toten Bruder beerdigen will. Genauso oberflächlich wäre es, in ihrem Antagonisten Kreon nur einen herrschsüchtigen Politiker zu sehen. Beide sind auf ihre Weise im Recht, deshalb ist es ja eine Tragödie. Es gibt keine nur böse oder nur gute Figur, sondern nur Figuren, die keine andere Wahl haben.

Maxim Gorki Theater Eintritt 10 – 34 €

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