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Premiere

„Arise“: So gut ist die neue Grand Show im Friedrichstadt-Palast

Der Friedrichstadt-Palast feiert mit der Grand Show „Arise“ seine Wiederauferstehung nach der Corona-Zwangspause. Zur Premiere kam allerlei Prominenz aus Politik und TV. Doch der eigentliche Star des Abends ist die wandlungsfähige, 3000 Quadratmeter große Bühne des Revuetheaters.

Der Star bei "Arise" im Friedrichstadt-Palast ist natürlich die spektakuläre Bühne. Foto: Ralph Larmann
Der Star bei „Arise“ im Friedrichstadt-Palast ist natürlich die spektakuläre Bühne. Foto: Ralph Larmann

„Arise“ im Friedrichstadt-Palast: Das ist die Auferstehung

Nicht kleckern, sondern klotzen. Das ist Prinzip der Grand Shows im Friedrichstadt-Palast, die stets elysische Ein-Wort-Titel wie „Yma“, „Qui“ oder zuletzt „Vivid“ haben. Und nun also „Arise“, auf deutsch Aufstehen, auch auferstehen, sich wieder erheben nach der langen Corona-Zwangspause von gut anderthalb Jahren. Und die elf Millionen Euro teure Produktion wird nicht müde, die Freude zu betonen, auf der größten Showbühne der Welt endlich wieder loslegen zu können. Die Hauptakteure durchbrechen ein paarmal die Vierte Wand und begrüßen auf deutsch-englisch ihr lang vermisstes Publikum.

Dieses feiert ihre Showstars maximal gutgelaunt zurück, wozu bei der Premiere womöglich der auch schon vor der Show reichlich ausgeschenkte Alkohol in Form von Sekt, Wein und Bier beigetragen haben mag. Schon Intendant Berndt Schmidts Begrüßungsworte ernten Kreischen. Das halbe Berliner Abgeordnetenhaus hat seinen Wahlkampf für diese „Weltpremiere“ unterbrochen, darunter alle Spitzenkandidaten der Parteien, Franziska Giffey (SPD), Bettina Jarasch (Grüne), Kai Wegner (CDU), Sebastian Czaja (FDP) und natürlich Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). It‘s showtime, folks.

Nur 1.200 Plätze hat das normalerweise 1.900 Zuschauer fassende Revuetheater vergeben, es gilt die 3G-Regel, die Impf- und Testkontrolle staut den Einlass und demokratisiert den Roten Teppich: Stars und Sternchen wie Dieter Hallervorden, Simone Thomalla und Fabian Hinrichs stehen mit uns Normalzuschauern gemeinsam am Einlass Schlange. Drinnen gibt es aber dann doch noch einen Roten Teppich nur für die Promis, damit die Fotografen in Ruhe ihr Blitzlichtgewitter abfeuern können.

Die Grand Show „Arise“ bedient sich des Faust-Motivs

Um einen Fotografen geht es dann auch in der Show, und zwar um den Starfotografen Cameron, der seine Muse verliert und damit auch seine Kreativität. In seiner düster-verzweifelten Stimmung leuchtet ihm aber, als eigener Charakter personifiziert durch Tertia Botha, das Licht der Hoffnung. Die Revue will uns ja erheben, nicht deprimieren. Und so trifft er bei einer glamourös inszenierten Party auf die Zeit, die offenbar ein Rapper ist (charmant diabolisch verkörpert von Oliver Erie St. James), und geht mit ihr einen Deal ein: Wenn die Zeit ihm seine Muse (cool: Kediesha McPherson) zurückbringt, will er sie für immer in Ehren halten, also jeden Augenblick wirklich wertschätzen. Hier bedienen sich die Autoren um Regisseur Oliver Hoppmann deutlich des Faust-Motivs.

Stefano Canullis Kostüme sind der Hingucker bei "Arise". Foto: Ralph Larmann
Stefano Canullis Kostüme sind der Hingucker bei „Arise“. Foto: Ralph Larmann

Zwar mag wie Faust der Zusehende bei manchen der bildprächtig und üppig ausgestatteten Szenen „Verweile doch, du bist so schön“ denken, doch ist die Handlung eher nebensächlich, dient nur als roter Faden durch eine Nummernrevue, die zwar nie die Brillanz ihres (von Cirque-du-Soleil-Regisseurin Krista Monson inszenierten) Vorgängers „Vivid“ erreicht, aber doch einen die Sinne mächtig (über-)reizenden Kessel Buntes aus Tanz, Spitzenartistik und Musik bietet.

Und natürlich ist der eigentlich Star wieder die knapp 3.000 Quadratmetern große, unglaublich wandlungsfähige Bühne des Friedrichstadt-Palastes mit all ihren licht- und bautechnischen Finessen, auch das Wasserbecken kommt nach achtjähriger Pause wieder zum Einsatz. Das überwältigende Set Design der Show hat die schwedische ESC-Bühnenbildnerin Frida Arvidsson entworfen. Auch die von düster-monokrom bis knallbunt wechselnden Kostüme, die jede Christopher-Street-Day-Parade neidisch machen, ausgedacht vom in Paris lebenden italienischen Modeschöpfer Stefano Canulli, sind echte Hingucker.

Das Ballett zeigt seine Klasse

Die Songs, die unter anderem von Tom Neuwirth aka Conchita Wurst stammen, sind eher weniger aufregend, zumeist Schlager-Pop. Dafür sind die Choreografien umso spektakulärer. Natürlich gibt es die berühmte 64-beinige Girlsreihe, Herzstück des Friedrichstadt-Palastes, doch das Ballett zeigt seine Klasse auch in anderen Tanzszenen, die von acht (!) Choreograf:innen stammen, darunter „The-Greatest-Showman“-Choreograf Ashley Wallen und Nikeata Thompson, die in Berlin manchen als Tänzerin von Seeed und Constanza Macras’ Compagnie Dorky Park bekannt ist. Die Tanzszenen sind also zusammengekauft in aller Welt.

Und so ist die beste, stärkste und ergreifendste Sequenz dieser opulenten Show, sie kommt gleich nach der Pause, ein Tanzfans wohlbekanntes Stück: Der „Chair Dance – Echad mi yodea“ von Ohad Naharin, dem Godfather des israelischen Tanzes, lange Jahre künstlerischer Leiter der Batsheva Dance Company in Tel Aviv und heute noch ihr Hauschoreograf. Batsheva gastierte mit dieser Choreografie vor zwei, drei Jahren auch in Berlin.

Die Tanzszenen und Choreografien sind gewohnt spektakulär. Foto: Nady el Tounsy
Die Tanzszenen und Choreografien sind gewohnt spektakulär. Foto: Nady el Tounsy

Sie wirkt in dieser Show aber wie ein Fremdkörper, auch durch die verwendete Musik, dem jüdischen Gesang „Echad mi yodea“, der traditionell zum Pessach-Fest gesungen wird. Doch während im Original 16 Tänzer in schwarzen Anzügen und weißen Hemden in einem Stuhlkreis immer wieder aufspringen, in atemlos getakteter Choreografie die Stühle umkreisen, immer wieder in den hebräischen Gesang einstimmen und sich nach und nach die Kleider vom Leib reißen, sind es hier 52 Tänzerinnen und Tänzer. Ein vervielfachter Ausbund an Präzision, Dichte, Kraft und Verletzlichkeit. Wirklich berührend und atemberaubend.

Dass für die Hauptrolle des Cameron bei der Premiere wegen gleichzeitiger Erkrankung von Erst- und Zweitbesetzung mit Dimitri Genco ein Tänzer aus der Compagnie einspringen muss, der die Songs zum Playback des eigentlichen Cameron Frank Winkels performt, stört nicht weiter, sondern zeigt einmal mehr, was für ein Pfund das Ballett des Friedrichstadt-Palastes ist. Neben der großartigen Bühne natürlich.

  • Friedrichstadt-Palast Friedrichstraße 107, Mitte, Tel. 030/23 26 23 26, Tickets und weitere Infos auch auf der Website

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