Theater

Armin Petras im Gespräch – Teil 2

Armin_Petrastip: Wie hat Littell auf Ihre Anfrage, ob Sie seinen Roman dramatisieren dürfen, reagiert?

Petras: Seine Antwort war: Nein. Seine Haltung war, das ist ein Roman, das ist völlig ausreichend. Außerdem braucht er das Geld nicht. Wir haben ein Dreivierteljahr lang daran gearbeitet, dass er uns erlaubt, das auf die Bühne zu bringen.

tip: Ihre Penetranz hat ihn davon überzeugt, dass Ihr Interesse ernsthaft ist?

Petras: So kann man es sagen.

tip: Der Schock, den Littels Roman bei Erscheinen – 2006 in Frankreich, 2008 in Deutschland – auslöste, rührt wesentlich daher, dass er aus der Perspektive eines Täters geschrieben ist. Deutsche wie Lea Rosh haben sich seltsamerweise in ihrer Erinnerungskultur daran gewöhnt, sich mit den Opfern zu identifizieren, eine etwas zu übergriffige Projektion. Was verändert sich für Sie durch Littells Perspektivenwechsel?

Petras: Man fiebert mit diesem Täter mit, es entsteht erschreckenderweise eine Art Identifikation mit dem Erzähler. Damit legt Littell etwas in uns offen. Ich finde es obszön, wenn Deutsche in die Rolle der Opfer schlüpfen. Ich könnte im Augenblick sicher nicht „Das Tagebuch der Anne Frank“ inszenieren, das wäre einfach ungeheuer anmaßend. Ich bin ein Deutscher, viele unserer Vorfahren waren Täter. Deshalb müssen wir uns mit ihnen auseinander setzen.

tip: Hat es einen seltsamen Beigeschmack, das reale Grauen als Stoff für ein Kunstwerk, für einen Roman zu nutzen? In der „Odyssee“ von Homer gibt es einen Vers, der die Ästhetisierung des Schreckens radikal und zynisch zu Ende denkt: „Dieses schufen die Götter; sie spannen den Menschen Verderben. Sollten doch auch noch die Künftigen Stoff für Gesänge bekommen.“ Ist Littells Roman auf diese Weise zynisch gegenüber den Opfern? 

Petras: Den Schrecken der Nationalsozialisten schufen ja nicht die Götter. Bei den Proben versuchen wir, in die Köpfe der Täter hineinzugehen. Dabei erfährt man ziemlich unangenehme Dinge über sich selbst. Dass wir keine Täter geworden sind, liegt nicht daran, dass wir alle so gute Menschen sind, sondern daran, dass die Umstände in diesem reichen Land andere sind als bei Dr. Max Aue. Ich glaube, dass nur jemand, der von außen kommt, eben kein deutscher Autor, sondern der jüdische Intellektuelle, der französisch-amerikanische Schriftsteller Littell dieses Buch schreiben konnte. Jeder deutsche Autor hätte, völlig zu Recht, viel zu viele Blockaden, um den Mut zu haben, aus der Perspektive dieses Täters schreiben zu können. Die großen Kunstwerke halten Erfahrungen fest, das ist verdichtetes Leben. Ich habe von Kunstwerken wie den Inszenierungen von Christoph Schlingensief mehr gelernt als aus jedem Zeitungsartikel und jeder Statistik. Ein Roman über den Zweiten Weltkrieg, der so genau und ungefiltert beobachtet, wie Littell das macht, ist in meinen Augen keine Ästhetisierung der Gewalt, sondern ein Buch, von dem ich etwas lernen kann. Ich kann mich an kaum eine Regie-Arbeit erinnern, in der ich so viel erfahren, auch keine, für die ich so viele Bücher gelesen habe.

tip: Sie haben durch Littell mehr über die deutsche Geschichte gelernt?

Petras: Man denkt, man weiß etwas über die Verbrechen des Nationalsozialismus, aber bei Littell erfährt man etwas anderes als bei Guido Knopp. Das scheinbar so Bekannte, über das man glaubt, Bescheid zu wissen, wird plötzlich sehr unbekannt. Ich wusste, bevor ich mit dieser Arbeit begonnen habe, einfach zu wenig, obwohl ich politisch relativ interessiert bin. Wir machen parallel eine ganze Reihe von Veranstaltungen, das Buch hat im Haus jede Menge Gespräche ausgelöst. Viele Kollegen, zum Beispiel aus der Technik, auch solche, die nicht an der Produktion beteiligt sind, lesen den Roman. Solche Auseinandersetzungen und Lernprozesse sind mir im Augenblick sehr wichtig.

tip: Welche Fragen hatten Sie an Littell, als Sie mit ihm über Ihr Projekt gesprochen haben, seinen Roman für die Bühne zu adaptieren? Hunderte.

Petras: Ich glaube, ich habe selten einen Menschen getroffen, der so intelligent und gleichzeitig so kühl war wie Littell. Diese Begegnung war für mich ähnlich faszinierend wie früher die Begegnungen mit Heiner Müller oder Einar Schleef, ein großer Künstler. Ich glaube, Littell konnte dieses Buch nur schreiben, weil er über Jahre in Krisengebieten gearbeitet hat. Das macht er jetzt auch wieder. Er hat genauer als wir gesehen, wozu Menschen fähig sind. Mich hat interessiert, welche Autoren für ihn wichtig sind, zum Beispiel der kalte, unsentimentale Blick Flauberts oder auch die Orestie, die in seinem Roman durchschimmert.

tip: Eine Bedingung Littells war, dass sie auf der Bühne keine NS-Symbole, Hakenkreuze, SS-Runen verwenden. Ist das ein Verweis da­rauf, dass sein Buch mehr und etwas anderes ist, als ein historischer Roman?

Petras: Ich finde das ganz naheliegend. Ich glaube, auch ohne sein Verbot hätte ich keine Hakenkreuzfahnen auf der Bühne gewollt. Unsere Bühne besteht im Wesentlichen aus einem Spiegel, in dem sich das Publikum sehen kann. „Die Wohlgesinnten““ ist nicht nur ein Buch über den Zweiten Weltkrieg. Schon auf den ersten Seiten schreibt Littell das ja sehr deutlich.

tip: Die Erzählerfigur, der Massenmörder Aue, erklärt dort: „Ihr könnt niemals sagen: Ich werde nicht töten, das ist unmöglich, höchstens könnt ihr sagen: ich hoffe, nicht zu töten. (….) Ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr. Hört, wenn ich es euch sage: Ich bin wie ihr!“ Mit diesem Grundakkord bekommt der Roman etwas von einer schwarzen Anthropologie, kein Historienfilm, sondern eine prinzipielle Aussage darüber, wozu Menschen in der Lage sind.

Petras: Ja. Trotz all der präzisen historischen Details, hinter der Überfülle an Material hat das etwas Modellhaftes, fast im Brecht’schen Sinne.

tip: Haben Sie im Vorfeld Ihrer Inszenierung Kontakt zum Beispiel mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde aufgenommen?

Petras: Ja. Wir haben unter anderem mit Experten der Stiftung Topographie des Terrors und der Humboldt Universität gesprochen haben, mit Leuten wie Andreas Nachama, Jörg Baberowski und Michael Wildt, einfach um zu hören, was sie über Littells Buch denken. Hätte jemand wie Nachama ethische Probleme mit dem Roman gehabt, hätten wir das natürlich sehr ernst genommen und das Projekt vielleicht auch nicht gemacht. Viele kannten den Roman, zumindest in Auszügen. Sie fanden unsere Idee, das auf die Bühne zu bringen, gleichzeitig ziemlich vermessen und interessant. Niemand von ihnen hatte ein moralisches Problem mit dem Buch.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Harry Schnittger

Die Wohlgesinnten Maxim Gorki Theater, 24., 29.9., 7., 15., 21.10., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

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