Theater

Armin Petras im Gespräch

Armin_Petrastip: Sie inszenieren derzeit am Maxim Gorki Theater die Theaterfassung eines monströsen Romans. Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ handelt von der Ermordung der europäischen Juden und dem zweiten Weltkrieg im Osten, erzählt auf 1?400 Seiten aus der Perspektive des feinsinnigen, gebildeten SS-Offiziers Dr. Max Aue. Die Gewalt ist exzessiv, sie wird sehr detailliert beschrieben. Was unterscheidet Littells Roman von einem zu lang geratenen Landserheft?

Armin Petras:?Ein Landserheft würde die Gewaltakte der Tötung sicher nicht in dieser Präzision und die Tätercharaktere nicht so differenziert beschreiben. Gerade dass Littell aus der Perspektive eines Täters erzählt, macht sein Buch so außergewöhnlich. Die historischen Fakten sind sehr genau recherchiert, das bestätigen alle Historiker, mit denen wir gesprochen haben. Littells Erzählerfigur Max Aue ist an einen realen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes angelehnt, Otto Ohlendorf. Durch die Arbeit von Historikern wie Michael Wildt weiß man heute, dass viele hohe NS-Funktionäre, viele Organisatoren der Massenmorde, gebildete Akademiker waren, hochintelligent und ehrgeizig. Das ist ein völlig anderes Bild als das der 50er-, 60er-Jahre, als man als NS-Täter nur Psychopathen, Sadisten oder Verlierer, die woanders nicht klargekommen sind, gesehen hat. Littells Bild eines Täters ist genauer, auf dem Stand der historischen Forschung.

tip: Auch der Historiker Götz Aly hat die „Vordenker der Vernichtung“ als ehrgeizige deutsche Akademiker charakterisiert. War der Vernichtungskrieg im Osten für diese NS-Elite eine Karriere-Chance?

Petras: Das muss man so sehen. Wir haben das in der Arbeit an diesem Stoff erst spät verstanden. Für diese ehrgeizigen jungen Männer war der Nationalsozialismus eine einmalige Chance: Wir bauen eine neue Welt. Und das haben sie ja dann in der Tat gemacht. Irgendwann in Kiew haben Dr. Aue und seine Kollegen realisiert, dass sie an dieser neuen Welt nicht mit einer Schreibmaschine oder einem Zeichenstift arbeiten, sondern mit dem Maschinengewehr.

tip: Littell beschreibt eine Massenerschießung von 33?000 Juden, die im September 1941 in der Schlucht Babyn Jar bei Kiew stattgefunden hat. Dr. Aue steigt über die Toten im Massengrab: „Das war entsetzlich glitschig, das weiche, weiße Fleisch verschob sich unter meinen Stiefeln, die trügerischen Knochen brachen unter meinen Schritten und ließen mich straucheln, ich versank bis zu den Knöcheln in Schlamm und Blut …“ Das zu lesen, ist ekelhaft.

Petras: Das soll es auch sein, würde ich vermuten.

tip: Wie kann man so eine Szene in Theater übersetzen? Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie bei Ihrem Versuch, aus Littells Schlachtengemälde mit seinen unzähligen Massakern und Gewalttaten einen Theaterabend zu machen?

Petras: Wenn ich einen Roman auf die Bühne bringen will, geht es immer um ein spezifisches Interesse am Stoff. Wir stellen Max Aue ins Zentrum, wie einen Brennspiegel, in dem sich die Ereignisse bündeln, von 1941 bis Mai 1945. Ein zentraler Punkt des Buches ist auch, dass diese Verbrechen organisiert, gemanagt werden mussten. Bei einer Massenerschießung von 33?000 Juden entstehen technische Probleme, zum Beispiel die Frage, wie man möglichst viele Leichen in einem Massengrab unterbringt.

tip: Es gibt die Diskussion, ob Auschwitz abbildbar ist oder ob es eine Dimension des Schreckens gibt, die durch jede künstlerische, fiktionale Abbildung obszön verkleinert wird. Wie gehen Sie damit um?

Armin_PetrasPetras
Indem ich diese These sehr ernst nehme. Das denken wir, die Schauspieler und ich, bei jeder Probe mit. Bei den Proben gab es immer wieder Situationen, in denen Schauspieler bestimmte Sätze nicht sprechen wollten oder konnten, das ging teilweise über Wochen. Schon beim Lesen sträubt sich ja etwas in einem. Das ist noch viel deutlicher, wenn man das spielen, mit dem eigenen Körper beglaubigen soll. Schauspieler hatten zum Teil Schlafprobleme, weil sie die Sätze des Textes nicht losgelassen haben. Das größte Problem, das wir bei den Proben haben, ist der kalte, scheinbar moralfreie Blick Littells. Er kommentiert nicht. Das ist schwer zu ertragen. Wir haben auch Proben abgebrochen haben, weil Schauspieler nicht mehr konnten, weil sie sich dem nicht aussetzen wollten. Wenn einer Schauspielerin, die am Morgen ihr Kind in die Kita gebracht hat und dann auf der Bühne berichten soll, wie ein Säugling, den der Sanitäter gerade aus dem Leib der ermordeten Mutter geholt hat, direkt nach der Geburt von einem SS-Offizier umgebracht wird, die Tränen kommen, ist das ja nicht ganz unverständlich.

tip: Aue hatte ein Inzestverhältnis zu seiner Schwester, er ist schwul. Sein Sexualleben und seine sexuellen Fantasien werden ebenso detailliert geschildert wie die Gewaltverbrechen. Fast wirkt es, als ob die kühle Beschreibung der Sex-Kontakte Aues und die genauso kalte Beschreibung der zerfetzten, getöteten, geschändeten Körper der Opfer sich überlagern. Das hat Littell den Vorwurf eingebracht, sein Buch sei pornografisch. Ist es das in Ihren Augen?

Petras: Als wir Littell in Barcelona besucht haben, habe ich ihn gefragt, weshalb Aues Sexualität eine so große Rolle spielt. Seine Grundthese ist ja, dass jeder von uns ein Täter werden könnte. Das spricht er auf den ersten Seiten des Romans sehr deutlich aus. Aber dann zeigt er mit Aue jemanden, der eben nicht ist wie jedermann. Littells Antwort war natürlich das große Lächeln eines amerikanisch-französischen Romanciers, der zu Recht sagt, dass sein Buch eben auch ein Roman ist. Durch ein anderes Buch Littells, „Das Trockene und das Feuchte“, habe ich verstanden, weshalb Aues Sexualität so wichtig ist und weshalb sie so ist, wie sie ist. Dort schreibt Littell über einen belgischen Faschisten und nennt explizit eine zentrale Quelle all seiner Überlegungen, nämlich Klaus Theweleits Studie „Männerphantasien“. Theweleit beschreibt den soldatischen, den faschistischen Mann, den gepanzerten Körper, der sich gegen die eigenen Gefühle abhärtet. Sexualität kann nur in Extremsituationen ausgelebt werden und ist an Gewalt, an Tod gekoppelt. Aues Fantasie ist immer, dass seine Schwester in einer Tötungsmaschine ist, dann kann sie penetriert werden. Littells Roman ist eben nicht Pornografie, sondern die genaue Beschreibung des faschistischen Körpers und Gefühlspanzers.

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