Dokumentartheater

„Atlas des Kommunismus“ am Maxim Gorki Theater

Geschichte wird gemacht: Lola Arias blättert am Maxim Gorki Theater im Atlas des Kommunismus

Foto: Ute Langkafel

Irgendwer muss die Demokratie ja retten, also veranstaltet das Gorki Theater bis Ende Oktober ein gewohnt kämpferisches Festival mit „Theater zur Demokratie“. Zum Auftakt hat die argentinische Dokumentar-Regisseurin Lola Arias einen Mann und sieben Frauen im Alter zwischen 83 und sieben Jahren auf die Bühne gebeten, wo sie aus ihren spannenden Lebensgeschichten erzählen: eine Übersetzerin die nach der Wende arbeitslos wurde, eine siebzehnjährige „Vollzeit-Aktivistin“, die ihre Zeit und Energie in die Unterstützung von Refugees steckt (und spätestes mit 18 einen von ihnen heiraten will, schon damit er nicht abgeschoben werden kann), oder Ruth Reinecke, die seit Jahrzehnten am Maxim Gorki Theater spielt – lauter spannende Frauen, die etwas zu erzählen haben.

Die älteste, Salomea Genin, musste als Kind mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen. Die jüdische Familie emigrierte nach Australien; einige Zeit verbrachte die Migrantin in der kommunistischen Jugend Australiens – hier bekam sie eine bündige Erklärung dafür, weshalb der Sieg Hitlers im Interesse des Kapitals lag. Als gute Kommunistin arbeitet sie in der DDR der 1960er Jahre für die Stasi und merkt erst Ende der 1970er Jahre, dass sie in einem Polizeistaat lebt.

Das kann man naiv finden, aber Lola Arias verzichtet in ihrer Inszenierung auf Wertung oder Kommentar – lieber lässt sie ihren beeindruckenden Protagonistinnen den Raum. Anders als im Dokumentartheater von Rimini-Protokoll setzt sie nicht auf die Inszenierung skurriler Pointen (die die von Rimini ausgestellten Protagonisten gelegentlich ein wenig ausbeutet), sondern auf den genauen, unaufgeregten Blick, der sich für die unterschiedlichen Lebensgeschichten interessiert.

Arias Inszenierung kann vieles einfach stehen lassen und kommt ohne große, das disparate Material verbindende Thesen aus. Was so entsteht, ist eine Art Kaleidoskop jüngerer (ost-)deutscher Geschichte, die so vielfach gebrochen ist, wie die Biografien dieser Frauen. Mai-Phuong Kollath zum Beispiel kam als vietnamesische Vertragsarbeiterin nach Rostock – die Deutsche Demokratische Republik hieß für sie: ein Fünf-Quadretmeter-Zimmerchen, Isolation von den Einheimischen, lange Tage in der Fabrik und nach Feierabend wurden für die Paraden zu sozialistischen Feiertagen Kampflieder geübt. Willkommen in Deutschland!

Maxim Gorki Theater Eintritt 10 – 20 €

Bewertungspunkte3

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