Dokumentartheater

„Auf der Straße“ im Berliner Ensemble

Armut ist Alltag – Die Dok-Regisseurin Karen Breece trifft Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger: „Auf der Straße“ erzählt von der Kunst, die eigene Würde zu verteidigen

Foto: Julian Röder

Schon der Titel dieser Uraufführung im Kleinen Haus des Berliner Ensembles ist von gelungener Doppelbödigkeit: „Auf der Straße“ meint hier nicht Jack Kerouacs Beatnik-Roman „On the Road“ mit dem Versprechen der großen Freiheit jenseits der bürgerlichen Ordnung, sondern das weit weniger romantische Leben derer, die mehr oder weniger brutal aus dieser ­Ordnung aussortiert worden sind oder erst gar keine Chance hatten, in sie hineinzuwachsen.
Die amerikanische, in Berlin lebende Dokumentar-Regisseurin Karen Breece hat mit einer in Theaterkreisen eher seltenen Uneitelkeit und Genauigkeit über Monate hinweg Hartz IV-Empfänger, Obdachlose, Trebegänger, Sozialarbeiter gefragt, was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. Es ist diese Genauigkeit und die sachliche, nicht an Tränendrüsenverwertbarkeit interessierte Empathie, die ihre Inszenierung vor den am Theater nicht ganz seltenen Sozial-Voyeurismus-Effekten schützt.

Die Bühne (Eva Veronica Born): ein Karussell mit diversen Parkbänken und den poppig bunten Schalensitzen, die verhindern sollen, dass sich Obdachlose auf ihnen ausstrecken. Die Aufführung wechselt zwischen lakonischen Alltagsberichten („ich stehe sehr früh auf, damit ich rechtzeitig bei der Ausgabestelle der Tafel bin“), harten Informationen („die durchschnittliche Lebenserwartung eines Obdachlosen in Deutschland liegt bei 46,5 Jahren“), völlig korrekten Wutausbrüchen und biografischen Erzählungen von Heimkindheit, Überlebensstrategien auf der Platte oder dem Abrutschen nach dem Studium der Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft in die Hartz-IV-Ausweglosigkeit.

Neben den BE-Schauspielern Bettina Hoppe und Nico Holonics geben Psy Chris, René ­Wallner und Alexandra Zipperer der Aufführung ihre Kraft. Sie sind keine professionellen Schauspieler, sondern Profis in der Kunst, die eigene Würde gegen die Zumutungen der ­Armut und die Demütigungsspiele der Sozial­staatsbürokratie zu verteidigen. Wenn man vom Theater die Chance erhofft, fremde ­Erfahrungswelten zu betreten, wenn Theater mit Mitleid und Schrecken zu tun hat (in diesem Fall das Erschrecken über die eigenen Wohlstandsverhärtungen), ist das ein ziemlich großartiger Theaterabend.

Termine: Berliner Ensemble (Kleines Haus), 18 – 24 €

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