Theater

Falk Richter bei den Autoren Theater Tagen 2012

Karte_und_GebietHerr Richter, war es schwer, die Aufführungsrechte für Michel Houelle­becqs Roman „Karte und Gebiet“ zu bekommen?
Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, den neuen Roman von Houellebecq zu inszenieren. Ich habe sofort zugesagt, ich bin seit Jahren großer Houellebecq-Fan und von seinen Romanen absolut begeistert. Houellebecqs Aufführungsrechte sind wohl unglaublich teuer, ich glaube 45?000 Euro Tantiemen für einen Aufführungszeitraum von drei Jahren. Das kann sich kaum ein Theater leisten. Drei Theater wollten meine Fassung nachspielen, unter anderem die Schaubühne, das ist am Preis für Houellebecqs Rechte gescheitert.

In Houellebecqs Roman taucht eine Figur namens „Michel Houelle­becq“ auf, ein Schriftsteller mit deutlichen Ähnlichkeiten zum echten Houellebecq. Diese Romanfigur wird bestialisch ermordet. Schöne Selbstthematisierung, oder?
Ja. Interessanterweise hat das eine Parallele zu meinem letzten Stück, das ich für das Festival in Avignon geschrieben und inszeniert habe, damals kannte ich Houellebecqs Roman noch nicht. Das Stück hieß „My Secret Garden“, da tritt eine Figur auf, die „Falk“ heißt. Das ist ein einsamer, in die Jahre gekommener Jung-Regisseur (lacht). Ich habe mich selber als eine Art fiktive Comicfigur beschrieben – so, wie ich mich vielleicht wahrnehme, wenn ich nicht gut drauf bin. Das ist bei Houellebecq und seiner Romanfigur „Houelle­becq“ ja nicht so anders. Wie schreibt man eigentlich über sich selbst, was passiert bei so einer Autofiktion? Das finde ich interessant. Houellebecqs Romanfigur „Michel Houellebecq“ ist genau so, wie die Kritiker ihn selbst im schlimmsten Fall beschreiben. Er wird in Frankreich unglaublich attackiert und in der liberalen und linken Kulturöffentlichkeit teilweise regelrecht gehasst.

Hatten Sie Kontakt zu Houellebecq?
Nein, er war in der Zeit völlig abgetaucht. Seine Literaturagentin hat auf Presseanfragen mit der Mitteilung beantwortet, er sei gerade dabei, eine gemäßigte Fraktion von Al-Kaida zu gründen und sei deshalb untergetaucht. Das finde ich ziemlich lustig. Ich habe ihn nicht getroffen, aber ich habe mir alle Interviews mit ihm auf Youtube angeschaut und viele Interviews gelesen. Er ist völlig inkompatibel mit Fernsehen und Interviewsituationen, er sitzt da und sagt minutenlang nichts oder brabbelt unverständlich vor sich hin.

Wie kann man aus einem 400-Seiten-Roman zweieinhalb Stunden Theater machen?
Ich habe vielleicht zehn Prozent des Romans genommen und daraus den Abend gemacht, das ist mein Material. Das ist das erste Mal, dass ich so etwas mache. Weil ich den Autor so wahnsinnig schätze, fand ich es spannend, mich mit seinem Buch auseinanderzusetzen. Beim Arbeiten ging es auch darum, mich in sein Denken hineinzubewegen, auf ihn zu reagieren, den Roman durchzuscannen und das rauszunehmen, was für mich wichtig ist. Letztlich entsteht so ein Zwischenwerk, das ist von mir, aber auch entschieden von Houelle­becq. Ich folge grob der Handlung, aber vor allem hat mich die Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt interessiert.

Falk-Richter_Die zweite Hauptfigur neben dem fiktiven „Michel Houellebecq“ ist der Maler-Star Jed Martin. Eines seiner Gemälde hat den schönen Titel „Damien Hirst und Jeff Koons teilen sich den Kunstmarkt auf“ und zeigt genau das. Natürlich ist Jed Martin selber ein Akteur des Kunstmarkts, über den er sich lustig macht, genau wie Houellebecq in der Literatur. Künstler tauchen als Marktakteure auf, oder gar nicht. Sind hier Kunst und Markt nicht zu trennen?
Das ist so. Letztlich geht es in der Kunst von Jed Martin und damit auch in Houellebecqs Roman um die Frage, was ist unsere kapitalistische Gesellschaft, wie funktioniert Kunst in diesem Kontext, gibt es irgendwelche anderen Werte als Geld – und was sind das für ungeheure Millionenbeträge, um die es in diesem Kunstmarkt geht. Das ist eine Auseinandersetzung mit unserer Welt. Jed Martin versucht, am Ende aus diesem Kunstmarkt auszusteigen, er macht nichts mehr, was Geld bringt, und zieht sich komplett zurück. Er verbringt die letzten 20 oder 30 Jahre seines Lebens isoliert auf seinem riesigen Grundstück und macht da seine hypnotischen Videoinstallationen. Sein Verschwinden aus dem Kunstmarkt bedeutet gleichzeitig, sich sozusagen von der Teilhabe an Welt, vom sozialen Austausch, zu verabschieden.

In Houellebecqs Roman ist der Kunstbetrieb ein hysterischer Markt. Die Zeiten, in denen Romantiker wie Adorno in der Kunst etwas der kapitalistischen Verwertungslogik Entzogenes, einen Ort der Utopie vermuten konnten, sind hier definitiv vorbei.
Damit räumt Houellebecq komplett auf. Die Kunst ist nicht der marktferne, utopische Ort, sondern ein Hyper-Markt. Das wird da beschrieben: The making of the most expensive artists of the world. Das wird Jed Martin, einer der teuersten Künstler überhaupt. Russische Oligarchen zahlen zwölf Millionen Dollar, um sich von ihm porträtieren zu lassen. In Houelle­becqs Perspektive sind wir im Kunstbetrieb wieder in der Hofmalerei des Ancien Regime angekommen. Die Kunst wird wieder zum Schmuckstück der Mächtigen und zum Spekulationsobjekt. Das Kunstwerk ist die perfekte Aktie, wenn Bilder berühmter Maler direkt aus dem Atelier in die Depots von Großbanken wandern. Während ich an der Textfassung gearbeitet habe, war ich bei der Biennale in Venedig, ein Freund von mir hat dort ausgestellt. Wir waren zu ein paar Partys eingeladen, eine in einem alten Palast, den ein russischer Oligarch gemietet hatte. Da überlagern sich die Epochen, plötzlich ist man gleichzeitig im Extrem-Kapitalismus und in der alten, höfischen Feudalgesellschaft. Die Künstler wissen auch, dass sie, wenn sie einmal in den oberen Etagen des Kunstmarktes ankommen, wo Kunstwerke für Millionen-Summen gehandelt werden, Stars sind wie Madonna, Kunst-Popstars der Superreichen. Die Superreichen erkaufen sich auch eine Beziehung mit diesen Kunstmarkt-Popstars. Das alles, die Strategien und Mechanismen auf diesem Markt, sieht man bei Jed Martin in Houellebecqs Roman. In meiner Inszenierung sieht man große Videoinstallationen von Chris Kondek, die Menschen verschwinden in den Bildern. Verglichen mit diesem Hyperkapitalismus des Kunstmarkts ist Theater eine harmlose und altmodische Kunst. Mit Theater kann man nicht spekulieren, Theater verbrennt nur Geld, aber es produziert keine handelbaren Waren.

Der Roman ist nicht nur eine Kunstbetriebssatire, Houellebecq erzählt auch vom Niedergang Europas.
Ja, Frankreich wird ein Freizeitpark für reiche Luxustouristen aus Russland und Asien. Houellebecq zeigt, dass diese behauptete Kulturnation Frankreich ein Phantasma ist, auch deshalb ist er in Frankreich so verhasst. Das alte Frankreich wird bloß noch als ein künstliches Idyll für Touristen ausgestellt. Das Buch ist auch eine große Komödie. Faszinierend ist auch, wie Houellebecq sein Material von überall herholt, seine eigene Biografie, Internet-Funde, er mischt reale mit fiktiven Figuren und vereint, mischt, collagiert sehr unterschiedliche Sprachqualitäten. Er arbeitet mit den unterschiedlichsten Genres, mitten im Roman wird eine Hauptfigur ermordet, der fiktive „Michel Houellebecq“. Die Leichenteile liegen überall rum, es sieht aus wie eine Hardcore-Installation, Selbstzerstörung als Kunstwerk wie bei Marina Abramovic: Das größte Kunstwerk ist die Ermordung des Autors, dessen Roman wir gerade lesen. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Sebastian Hoppe

Karte und Gebiet
in den DT-Kammerspiele,
Mo 11.6., 20 Uhr, Di 12.6., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 25

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