Theater

Autorentheatertage 2013 am Deutschen Theater

Stallerhof_Früher ging die Berliner Theaterspielzeit mit dem Theatertreffen zu Ende. Seit Ulrich Khuon Intendant am Deutschen Theater ist, finden danach noch die Autorentheatertage statt. Anders als beim Theatertreffen stehen hier nicht die Inszenierungen, sondern die Stücke im Mittelpunkt. Und über die Einladungen entscheidet keine Kritikerjury, sondern die DT-Dramaturgie.
Obwohl, so ganz stimmt das gar nicht: Eine Kritikerin war auch bei den Autorentheatertagen im Einsatz. Sigrid Löffler hatte die Aufgabe, jene drei noch ungespielten Stücke zu nominieren, die am Ende des Festivals in einer „Langen Nacht der Autoren“ präsentiert werden. 87 Texte waren eingesandt worden; Löffler entschied sich für „exzess, mein liebling“ von Olivia Wenzel, „Schwäne des Kapitalismus“ von Matthias Naumann und „die schweizer krankheit“ von Uta Bierbaum. Die Stücke werden in schnell aninszenierten  Werkstatt-Aufführungen gezeigt.

Der Umstand, dass Bierbaums Stück Anfang Mai bereits am Heidelberger Stückemarkt – wenn auch nur in Form einer Lesung – vorgestellt wurde, ist ein Indiz dafür, dass der Markt auch für die Nachwuchsdramatikerförderung immer umkämpfter wird. Offenbar gibt es nicht mehr genug Autorinnen und Autoren für die unzähligen Autorenfestivals.  
Bemerkenswert ist diesbezüglich aber auch die Entwicklung, die die Autorentheatertage im Lauf der Jahre genommen haben. Erstmals stattgefunden hat das Festival 1995 am Staatsschauspiel Hannover, wo Khuon damals Intendant war. Die jedes Jahr von einem anderen Alleinjuror – meist einem Theaterkritiker – nominierte „Lange Nacht“ bildete in den ersten Jahren den Kern der Autorentheatertage; darum herum wurde ein Rahmenprogramm aus Lesungen, Diskussionen und dem einen oder anderen Gastspiel angeboten. Noch 2001, als die Autorentheatertage mit Khuon ans Thalia Theater nach Hamburg übersiedelt waren, standen neben der „Langen Nacht der Autoren“ nur drei Gastspiele von Inszenierungen neuer Stücke auf dem Spielplan.
Inzwischen hat sich der Charakter des Festivals deutlich verändert: Mit 14 Gastspielen stellen die Autorentheatertage heute zumindest quantitativ sogar das Theatertreffen mit seinen zehn „bemerkenswerten“ Inszenierungen in den Schatten.  Der Wandel der Autorentheatertage vom Dramatikerhappening zum Großfestival ist ein anschauliches Beispiel für das Diktat einer Ökonomie der Aufmerksamkeit: Wenn bald schon jedes Theater des deutschen Sprachraums seine eigene Autorenwerkstatt betreibt, muss man sich etwas Neues einfallen lassen. Die Autorentheatertage sind jetzt eben das „derzeit wichtigste Festival für deutschsprachige Gegenwartsdramatik“. Behauptet – in aller Bescheidenheit – zumindest das Deutsche Theater selbst.
Das wichtigste Festival für deutschsprachige Gegenwartsdramatik sind immer noch die seit 1976 veranstalteten Mülheimer Theatertage. Die zeigen jedes Jahr im Mai sieben bis acht Inszenierungen neuer Stücke. Der entscheidende Unterschied zur Berliner Konkurrenzveranstaltung ist der Auswahlmodus: In Mülheim ist, wie beim Theatertreffen, ein aus Theaterkritikern zusammengesetztes „Auswahlgremium“ für das Programm verantwortlich, das unabhängig von theaterpolitischen Rücksichten entscheiden kann. Im Grunde sind die Autorentheatertage die Mülheimer Theatertage minus Jury.

Luft_aus_steinDie Schnittmenge zwischen beiden Festivals ist logischerweise groß. Drei der acht in diesem Jahr für Mülheim nominierten Stücke sind auch bei den Autorentheatertagen im Programm; rechnet man noch Elfriede Jelineks Sekundärdrama „FaustIn and out“, das bereits letztes Jahr in Berlin war, und „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann, das ohnedies aus dem Repertoire des Deutschen Theaters stammt, dazu, gibt es sogar fünf Übereinstimmungen.
Wie die in Russland geborene Salzmann hat auch die 29-jährige Azar Mortazavi – ihr Vater ist Iraner – einen migrantischen Hintergrund. Die Heldin ihres Stücks „Ich wünsch mir eins“ ist eine junge Frau namens Leila, die sich so sehr ein Kind wünscht, dass sie sich mit Haut und Haaren einem Mann an den Hals wirft, der dafür definitiv die falsche Wahl ist. Genauso erfrischend direkt und geradlinig, wie Leila auftritt, ist auch Mortazavis Stück geschrieben (das übrigens besser ist als Annette Pullens Osnabrücker Uraufführung, die sich auf diese schräge Amour fou nicht recht einlassen mag).
Felicia Zeller bestätigt mit „X-Freunde“ (uraufgeführt von Bettina Bruinier in Frankfurt) souverän ihren Status als bissigste Autorin der Republik. Die Protagonistin der im gewohnt atemlosen Zeller-Sound dahinrasenden Komödie am Rande des Nervenzusammenbruchs ist die Karrierefrau Anne, die heimlich sogar im Urlaub arbeitet und am Ende vor lauter Stress nicht einmal mitkriegt, dass ihr vernachlässigter Hausmann sich umgebracht hat.

Auch Moritz Rinkes Tragikomödie „Wir lieben und wissen nichts“ – das dritte sowohl in Berlin als auch in Mülheim gezeigte Stück – handelt von Menschen, die sich der Wettbewerbsgesellschaft entweder verweigern oder sich ihr radikal ausliefern. Das pointensicher gebaute Stück um zwei Paare, die anlässlich einer Wohnungsübergabe an- und durcheinander geraten, ist sichtlich an Edelboulevard а la Yasmina Reza geschult. Sein Witz, der stets auch gesellschaftskritisch gemeint ist, hat aber auch etwas Biederes. Vielleicht gerade deshalb war „Wir lieben und wissen nichts“ das meistgespielte neue Stück der Saison: Ein halbes Dutzend Bühnen zwischen Frankfurt und Bielefeld, Aachen und Hamburg haben es auf den Spielplan gesetzt. In Berlin wird (wie in Mülheim) die Berner Inszenierung gezeigt.

Bei den Autorentheatertagen sind aber auch Stücke zu sehen, die es nicht nach Mülheim geschafft haben. Darunter die lustige kleine Farce „demut vor deinen taten baby“ von Laura Neumann (Burgtheater Wien), in der drei junge Frauen mit gefakten Terroranschlägen berühmt werden, Rebekka Kricheldorfs schwarze Splatter-Komödie „Testosteron“ (Staatstheater Kassel), Anne Habermehls drei Generationen umfassendes Trauma-Spiel „Luft aus Stein“ (Schauspielhaus Wien) oder Ewald Palmetshofers nihilistisches Familiendrama „räuber.schuldengenital“ (Burgtheater Wien), in dem zwei Brüder auf denkbar radikale Weise ihr Erbe einfordern – die Schwarzmalerei des Jahres.

SchattenFast hat es den Anschein, als hätten die Macher der Autorentheatertage die Mailbox des Mülheimer Auswahlgremiums gehackt: Alle genannten Stücke waren auch für die Theatertage im Gespräch. Aber es gab eben auch Gründe, warum sie letztlich nicht nominiert wurden. Elfriede Jelineks Orpheus-Variation „Schatten (Eurydike sagt)“ etwa ist zwar ein starker Text, die Wiener Inszenierung aber – Matthias Hartmanns Debüt als Jelinek-Regisseur – ist einigermaßen missglückt.
Fragwürdig ist auch die Berliner Einladung von Stephan Kaluzas Zweipersonenstück „3D“, das Stephan Kimmig in Stuttgart an einem Abend mit dem Kroetz-Klassiker „Stallerhof“ inszeniert hat. Das Stück besticht zwar durch knackige Dialogführung, laboriert aber an einem fatalen Konstruktionsfehler: Eine als Kind missbrauchte Frau besucht nach Jahren ihren Vater, der aber hält die Tochter für seine Ex-Frau. Das ergibt zwar theoretisch eine tolle Schlusspointe, ist aber leider so unglaubwürdig, dass das Stück in der Praxis nicht aufgeht.
Umso unverständlicher, dass ein anderes, viel interessanteres Stück zum Thema nicht in Berlin zu sehen ist: Die 1991 geborene Schweizerin Katja Brunner verhandelt in ihrem auch sprachlich außergewöhnlichen Debüt „Von den Beinen zu kurz“ (uraufgeführt in Hannover) einen familiären Missbrauchsfall aus der Innenperspektive der Beteiligten heraus. Wobei die Hauptstimme der Tochter gehört – die den Missbrauch allerdings schönredet und den Vater verteidigt.
Die Autorentheatertage waren einmal ein besonderes Festival. Jetzt wollen sie das bessere Mülheim sein, sind aber nur das größere. Dass sie ihre „Lange Nacht der Autoren“ dadurch selbst in den Schatten stellen, nehmen sie offenbar in Kauf.  

Text: Wolfgang Kralicek
Fotos: Sonja Rothweiler, Antoine Turillon, ReinhardWerner

Autorentheatertage
Deutsches Theater,
3.–15.6.,
Karten-Tel. 28 44 12 21, www.autorentheatertage.de

 

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