Theater

Autorentheatertage 2014 im Deutschen Theater

Casoline_Bill_3_c_LenoreBlievernichRoutine ist eine schöne Sache, aber manchmal landet sie im Leerlauf. Da kann eine kleine Unterbrechung nicht schaden, zum Beispiel bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters. Bisher lief es so: Der Allein-Juror der Langen Nacht der Autoren lobte einen Wettbewerb aus, zu dem gern mal 200 neue Stücke eintrudelten. Fünf davon wurden ausgewählt und in Werkstatt­inszenierungen gezeigt. Das war nicht unbedingt immer ein Fest der Qualität.

Schon länger hat sich das System der Autorenförderung in unzähligen Nachwuchs-Festivals, Schreibwerkstätten und Dauer-Preisverleihungen erschöpft. Till Briegleb, Theaterkritiker der „Süddeutschen Zeitung“ und in diesem Jahr im Auftrag des Deutschen Theaters Allein-Juror der Autorentheatertage, hat jetzt ein Stoppschild gesetzt und fordert zum „Innehalten“ auf. Statt weiter die Dramenproduktion echter oder vermeintlicher Jungtalente zu befeuern, hat er die rund 70 Siegerstücke aus der fast zwanzigjährigen Geschichte der Autorentheatertage noch einmal gelesen. Und nach eigenen Angaben dabei festgestellt, „dass es auch viele ältere Stücke gibt, die erinnernswert und spielbar sind“. Fünf Sieger-Stücke aus 19 Jahren hat er jetzt zur Neu-Aufführung ausgewählt.  

Ein Problem vieler Gegenwartsdramatiker ist, dass ihre Stücke nach der Uraufführung so selten nachgespielt werden – möglicherweise zu Recht. Gegen den Trend zur schnell verpufften Uraufführung betont DT-Intendant Ulrich Khuon, der die Autorentheatertage 1995 in Hannover ins Leben gerufen hat, die hohe Nachspielbereitschaft seines Hauses, zum Beispiel bei Stücken von Nis-Momme Stockmann oder Philipp Löhle.
Für Khuon lautet die Grundsatz-Frage: „Wie vehement ist das Interesse des einzelnen Theaters an der Autorin oder dem Autor?“ Was das betrifft, beweist der Auftakt des diesjährigen Festivals guten Willen. Eins der fünf von Briegleb ausgewählten Stücke kommt in der Regie von Stephan Kimmig als reguläre Kammerspiel-Premiere mit prominenter Besetzung (Heike Makatsch) auf die Bühne.

„Tag der weißen Blume“ (5. und 6. Juni, 20 Uhr) vom russischen Autor Farid Nagim erzählt die Geschichte zweier Geschwisterpaare. Es schlägt einen Bogen von der Oktoberrevolution zum Moskau der Jahrtausendwende im Neokapitalismus. Eine solche „historisch-politische Dimension“, so Briegleb, gehe den meisten neuen Stücken weitgehend ab. Was er im Wust der Familien- und Befindlichkeitsstücke ebenfalls vermisst: das breit angelegte Figuren-Panorama, wie es ihm in Simon Werles düster-poetischem Randlagen-Drama „Der Weichselzopf“ von 1995 wiederbegegnet ist.

Das Stück ist übrigens wie zahlreiche Siegerstücke der 19-jährigen Festivalhistorie noch immer frei zur Uraufführung – auch das könnte man als Indiz für ein gewisses Überangebot verstehen. „Das Theater hat auch Texte verdient, die eine große Bühne, viel Personal und durchaus Anstrengung in der Inszenierung verlangen“, findet Briegleb, der in diesem Jahr als Kurator das Gesamtprogramm des Festivals mitbestimmt.

Wie rar vielversprechende Aufführungen neuer Stücke sind, zeigt die Tatsache, dass allein drei der eingeladenen Gastspiele von Zeitgenossen gerade auch bei den Mühlheimer Theatertagen zu sehen waren: Renй Polleschs an den Münchner Kammerspielen entstandener Diskurs-Western „Gasoline Bill“ (9. und 10. Juni, 19.30 Uhr). Wolfram Hölls atemlose Erzählung aus Kinderper­spektive „Und dann“ aus Leipzig (10. Juni, 20 Uhr). Sowie das in Oldenburg auf die Bühne gebrachte „Archiv des Unvollständigen“ von Laura de Weck und Thom Luz (12. Juni, 20 Uhr). „Man hat am Ende einer Saison maximal drei oder vier neue Stücke, auf die sich eine Jury einigen kann“, berichtet Briegleb, der sieben Jahre lang auch in Mühlheim über die Auswahl mitentschieden hat. „Danach geht das Gesteche los, weil man keine verbindlichen Kriterien mehr findet, um zu sagen: Das ist ein toller Text.“

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Khuon hat für die Autorentheatertage immerhin die Konsequenz gezogen, das Gastspiel-Programm abzuspecken und das Festival um zwei Tage zu verkürzen. Man wolle „Konzentration schaffen und wegkommen vom Gedanken der Plattform, die es in dieser Form auch nicht mehr braucht“, erklärt der Intendant. Längst Common Sense sei es, „dass es heute ähnlich wie im Fußball schwer ist, als Talent nicht entdeckt zu werden“. Was aber nicht bedeute, auch vom Schreiben leben zu können. „Wir brauchen die Mischung aus Aufmerksamkeit der Theater, Zusammenarbeit mit den Verlagen und Förderinstrumenten.“

Um die Zukunft der Autorentheatertage muss Khuon derweil kämpfen. Die Finanzierung des mit 500?000 Euro budgetierten Festivals aus Lottomitteln ist bloß noch für das kommende Jahr gesichert. Ein Antrag beim Hauptstadtkulturfonds, der im Bewilligungsfall einen Aufschrei in der Freien Szene verursachen dürfte, kommt für Khuon zu Recht nicht infrage. Aber sind die Autorentheatertage im mit Theaterfestivals nicht gerade unterversorgten Berlin wirklich unbedingt nötig und unverzichtbar für die kulturelle Grundversorgung? Festival-Kurator Briegleb bejaht entschieden: „Es ist ja nicht so, dass wir weniger gute Theaterautoren bräuchten.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Lenore Blievernicht

Autorentheatertage Deutsches Theater 5. bis 14. Juni, www.deutschestheater.de

Lange Nacht der Autoren 14. Juni, 18–23 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 25

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