Theater

„Autorentheatertage“ am Deutschen Theater

alpsegenVor Kurzem hat der Theaterkritiker Till Briegleb den Zustand der Gegenwartsdramatik samt dem Overkill an Dramen mit sehr begrenzter Relevanz in „Theater heute“ erfreulich unverschnörkelt zusammengefasst. Die meisten neuen Theaterstücke, so Brieglebs Befund, landen zügig in der „Mülltonne der Vergessenen“ und dienen bestenfalls als „Biografie-Kompost der Autoren, auf dem sich neue Saisonleistungen züchten lassen“ – oder zumindest Stückaufträge, Stipendien und andere Transferzahlungen. Ob die „Textschwemme“ nun „überflüssig“ und „belanglos“ sei, lässt Briegleb höflicherweise ebenso offen wie die naheliegende Frage, warum „die deutsche Dramatik keine Dauer, keine Tiefe, keine Allgemeingültigkeit“ besitze. Klar ist für den mitleidlosen Kritiker nur eines: „Die Haltbarkeit von Tiefkühlkost ist länger als die von jedem neuen deutschen Stück.“

Briegleb weiß, wovon er redet. Schließlich muss er als Mitglied der Auswahljury der auf neue Dramatik spezialisierten Mülheimer Theatertage Spielzeit für Spielzeit Aberdutzende Uraufführungen absitzen und unzählige neue Stücke zumindest querlesen. In der vergangenen Spielzeit nicht weniger als 119 Elaborate. Was er nach seiner vernichtenden Bilanz zur Ehrenrettung der neuen Dramatik vorbringt, klingt auch eher deprimierend: „Zeitgenössische Dramatik bemüht sich nicht, größer zu sein, als die Welt, die sie trägt.“ Das spricht zumindest für die grundsympathische Redlichkeit der Gegenwartsdramatiker, auch wenn das vernichtende Lob darauf hinausläuft, dass das Klein-Klein der gemütlichen bundesrepublikanischen Verhältnisse für Dramatiker nicht besonders ergiebig und deshalb das Gegenwartsdrama möglicherweise nicht gerade das Genre der Stunde ist.

Unbeeindruckt von solchen prinzipiellen Erwägungen veranstaltet das Deutsche Theater wie jedes Jahr wieder die Autorentheatertage, neben Mülheim das wichtigste Festival der Gegenwartsdramatik (und in Berlin nicht weniger ausstrahlungsstark als das Theatertreffen). Dass die Gesamtlage der Gegenwartsdramatik eher lau wirkt, ist schließlich kein Grund, nicht nach den Perlen in der Wüste zu suchen und die spannendsten Inszenierungen neuer Stücke gebündelt zu präsentieren – diesmal insgesamt 18 Gastspiele und eine lange Nacht der Autoren.

John von Düffel, Dramaturg am Deutschen Theater, selber Dramatiker und Schriftsteller und einer der Kuratoren des Festivals, beobachtet bei vielen jüngeren Dramatikern eine starke Hinwendung zum Komödiantischen, eine gewisse spielerische Leichtigkeit. An den Arbeiten der Dramatikerin Rebekka Kricheldorfs, mit gleich drei eingeladenen Stücken vermutlich eine der Entdeckungen des Festivals, fasziniert den Dramaturgen, wie sie „auf eine wunderbare Weise Komödienformate recycelt und damit sehr spielerisch umgeht.“
Freuen kann man sich auf Johan Simons (etwas grobklotzige) Inszenierung von Elfriede Jelineks furiosem Klagegesang „Winterreise“ – Variationen über den Verfall, die Isolation, das eigene Sterben und das der anderen, das zerstörte Bewusstsein eines demenzkranken Alten. Ob es eine gute Nachricht ist, dass ausgerechnet der Wohlfühl-Regisseur Kriegenburg Jelineks Werk zum Beginn der kommenden Spielzeit am DT inszeniert, wird sich zeigen.

Aus Dresden kommt eine Theateradaption von Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“, aus Wien unter anderem ein Abend des großen Peter Licht („Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“) und ein Stück mit dem hübschen Titel „tier. man wird doch bitte unterschicht“ des Sprachvirtuosen Ewald Palmetshofer. Aus Hamburg kommt Oliver Bukowskis Kleist-Variation „Wenn ihr euch totschlagt ist es ein Versehen“ und aus Frankfurt ein neuer Schimmelpfennig („Wenn, dann: was wir tun, wie und warum“). Gespannt darf man sein auf Tobias Rauschs Dokumentarstück „einsatz spuren“, das aus Interviews mit aus den Auslandseinsätzen zurückgekehrten Bundeswehrsoldaten entstanden ist: Theater als Wirklichkeitsrecherche.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Julian Röder

Autorentheatertage Berlin Deutsches Theater, 15.–25.6., alle Termine: Siehe Kalender, www.autorentheatertage.de

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