Theater

Autorentheatertage im Deutschen Theater

Rechnitztip Das Deutsche Theater zeigt bei den in Berlin zum ersten Mal veranstalteten Autorentheatertagen 16 Inszenierungen deutscher Gegenwartsstücke – unter anderem von Elfriede Jelinek, Dea Loher, Martin Heckmanns, der wunderbaren Sibylle Berg und des im Augenblick schwer gefeierten Nis-Momme Stockmann. Die Gastspiele kommen aus Theatern von Wien bis Hamburg, von Zürich bis Frankfurt, von Stuttgart bis Dresden. Daneben stellt das Festival in Werkstattinszenierungen vier noch nicht uraufgeführte Texte junger, unbekannter Autoren vor. Nach welchen Kriterien haben Sie sich für die einzelnen Inszenierungen und Texte entschieden?
John von Düffel Michael Althen, Filmkritiker bei der „FAZ“, hat für die Werkstattinszenierungen insgesamt 160 von den Autoren eingeschickte, noch nicht aufgeführte Stücke gelesen. Davon hat er vier für die Werkstattinszenierungen der „Langen Nacht der Autoren“ ausgewählt. Das ist die eine Auswahlstrecke. Die andere betrifft die schon aufgeführten Stücke, die wir, der DT-Intendant Ulrich Khuon und die Dramaturgen, spannend und beispielhaft finden.

AdamGeisttip Beispielhaft wofür?
Düffel Für das, was zeitgenössische Dramatik leisten kann. Deshalb sind es auch sehr unterschiedliche Arbeiten und Schreibweisen. Es geht nicht darum, nur Autoren einzuladen, die alle schreiben wie Elfriede Jelinek oder Dea Loher. Das Spektrum ist breit. Entscheidend sind die Qualität und die Lust an der Auseinandersetzung mit einem Stoff. Wir waren viel unterwegs und haben uns einfach sehr viele Inszenierungen angesehen.

tip Mein Eindruck ist, dass es dank unzähliger Stipendien, Förderprogrammen, Nachwuchspreisen und Ausbildungsgängen für „Szenisches Schreiben“ jede Menge Jungdramatiker gibt oder zumindest Leute, die sich dafür halten. Sie produzieren jede Menge schnell vergessener Stücke. Gibt es in Wirklichkeit nicht zu wenige, sondern viel zu viele, oft nur begrenzt relevante Uraufführungen? Kein Wunder, dass viele dieser Stücke dann auch nicht nachgespielt werden, sondern nach der Uraufführung verschwinden, ohne dass sie irgendjemand vermissen würde. Ist diese Überproduktion sinnvoll?
Düffel Wer legt da das Maß an? Es ist sinnlos, eine Uraufführung nur als Selbstzweck zu machen, weil man sich mit dem Prädikat der Uraufführung schmücken will, darin sind wir uns einig. Es gibt eine große Neugier der Theater, ein Interesse an neuen Texten. Das kann man negativ bewerten und unterstellen, dass es dabei nur um den Hype geht. Ich finde es eher positiv, wenn sich die Theater für neue Autoren öffnen, und damit ja auch für neue Geschichten und Versuche, Wirklichkeit zu beschreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn die Theater nur die durchgesetzten Stücke spielen würden. Als ich selbst vor gut zwanzig Jahren als Dramatiker und Dramaturg angefangen habe, war die Situation deutlich anders. Es war für jüngere, noch nicht durchgesetzte Dramatiker unglaublich schwer, überhaupt uraufgeführt zu werden. Es gab die großen, bekannten Autoren wie Botho Strauß, Thomas Bernhard oder Kroetz, denen die Stücke aus der Hand gerissen wurden, alle anderen kamen kaum vor. Eine ganze Reihe von Autoren, Moritz Rinke oder Albert Ostermaier zum Beispiel, sind damals überhaupt erst durch estivals zu ihren ersten Uraufführungen gekommen. Verglichen mit der damaligen Situation ist es doch nur positiv, dass sich die Theater stark für die Gegenwartsdramatik öffnen, auch wenn vielleicht nicht jede Uraufführung gelingt. Es ist ein Selektionsprozess, einige Stücke setzen sich durch, andere nicht. Aber heute findet dieser Selektionsprozess deutlich stärker öffentlich statt, sozusagen am Markt, während er früher weitestgehend in den Dramaturgien stattgefunden hat, wenn eingereichte Stücke unbekannter Autoren nicht einmal gelesen wurden.

John_Dueffeltip Was macht neue Stücke für Sie spannend? Zum Beispiel, dass sie Wirklichkeit anders abbilden als die übrigen Medien?
Düffel Das macht das Theater, glaube ich, sowieso. Das hat mit der Zwitterhaftigkeit des Theaters zu tun: Einerseits ist es ein uraltes Medium, eine Mimesis nah am Menschen, andererseits öffnet es sich immer zu neuen Formen, eine Augenblickskunst, die auf die Gegenwart reagiert. Bei den Autorentheatertagen sehen Sie Stücke von Autoren unterschiedlicher Generationen – wobei es schon lange nicht mehr so ist, dass die älteren Autoren etwa weniger experimentell oder konventioneller schreiben würden als die jüngeren. Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz“ ist dafür das beste Beispiel.

tip Neigen viele jüngere Autoren durch die „Szenisches Schreiben“-Ausbildungsgänge und die Angst, sich in dem umkämpften Markt nicht durchsetzen zu können, zu den leicht verdaulichen Konventionen des Wellmade-Plays – Theater wie Fernsehen?
Düffel Das weiß ich nicht. Ein junger Dramatiker wie Nis-Momme Stockmann, der an der UdK Szenisches Schreiben studiert, ist einfach eine radikal subjektive Stimme. Sein Stück „Das blaue blaue Meer“, das wir bei den Autorentheatertagen zeigen, ist ein strenger, starker Text, in dem er eine Welt des Saufens, der Zerstörung, des sozialen Elends beschreibt. Das wäre in dieser Radikalität und Einseitigkeit im Fernsehen vermutlich unmöglich. Eine andere junge UdK-Absolventin, Anne Nather, erzählt in ihrem Stück „Im Wald ist man nicht verabredet“ von einer symbiotischen, versponnenen Geschwisterbeziehung. Das sind schon sehr umwegige, eigensinnige Geschichten, die unsere Wirklichkeit gerade nicht wie das Fernsehen abbilden. Theater eignet sich nicht für die direkte Abbildung. Jeder Autor muss seine eigene Art und Weise finden, die Welt im Theater darzustellen. Schimmelpfennig mit „Goldener Drache“ erzählt von der Globalisierung auf eine ganz andere Weise als Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit „Die Schöpfer der Einkaufswelten“, ein Stück, das auf der Basis eines Dokumentarfilms von Harun Farocki versucht, die Inszenierung der Warenwelt zu durchleuchten und mit der Form des maoistischen Lehrstücks zu spielen.

tip Wie nähern sich die Gegenwartsautoren der Gegenwart?
Düffel Da gibt es ganz unterschiedliche Zugänge. Neben den genuinen Autoren, also zum Beispiel Jelinek, Schimmelpfennig, Dea Loher, gibt es Stücke bei den Autorentheatertagen, bei denen der Autorenbegriff weiter gefasst ist. Bei Renй Pollesch, von dem wir die Hamburger Inszenierung „Mädchen in Uniform“ zeigen, ist der Autor Pollesch nicht vom Regisseur Pollesch zu unterscheiden. Viele Autoren arbeiten mit Rechercheprojekten. Martin Heck­manns zum Beispiel hat für sein Stück „Zukunft für immer“ drei Schauspielerinnen des Staatsschauspiels Dresden zu ihrem Leben, zu ihren Erinnerungen befragt. Aus diesem Gesprächsmaterial ist sein Stück entstanden. Tobias Rausch beschreibt in „Alles offen“ Rostock und die zerschlagenen Träume zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung. Diese Autoren suchen einen sehr direkten Zugriff auf die Wirklichkeit, das sind Versuche, fast dokumentarisch zu arbeiten. Efriede Jelinek erzählt in „Rechnitz“ von einem realen historischen Vorfall: Eine österreichische Festgesellschaft ermordet im März 1945 jüdische Zwangsarbeiter. Andere Autoren gehen Wege der Metaphorisierung oder bauen ihre eigenen Welten.

tip Bauen Sie mit dem Festival um die Gegenwartsdramatik ein kleines Theater-Event, weil Inszenierungen von Gegenwartsstücken an der Abendkasse einfach schlechter verkäuflich sind als Klassiker-Inszenierungen?
Düffel Nein. Wir zeigen am DT ja nicht nur bei den Autorentheatertagen neue Theaterstücke. Andreas Kriegenburgs Uraufführung von „Diebe“ von Dea Loher ist eine unserer bestbesuchten Inszenierungen, die Vorstellungen sind regelmäßig ausverkauft. Mit den Autorentheatertagen geht es uns um eine Bündelung, einen Schwerpunkt, wir wollen unser Engagement für zeitgenössische Dramatik in den Focus rücken – und nebenbei spart man etliche Reisekilometer, die wir abgefahren sind, wenn man hier die Inszenierungen aus Wien, München, Zürich, Stuttgart oder Frankfurt sehen kann.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Arno Declair, Reinhard Werner

Autorentheatertage
8.-17.4, Deutsches Theater und DT-Kammerspiele, www.autorentheatertage.de

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