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Avantgarde wird bestraft

Solistenensemble Kaleidoskop

Tim Renner signalisiert gerne seine Sympathie für die Freie Szene, zuletzt in einem tip-Interview. Bisher allerdings bleibt seine Versicherung, sich der Geldnöte vieler frei produzierender Theaterkünstler anzunehmen, ein vages Versprechen. Die Wirklichkeit sieht weiter so aus, dass sich auch renommierte Künstler und Gruppen mühsam von Projektantrag zu Projektantrag hangeln müssen. Zum Beispiel das Solistenensemble Kaleidoskop.  
Längst ist das experimentierfreudige Streichorchester eine feste Größe der Neuen Musik – und ein Berliner Exportartikel mit Auftritten bei den Wiener Festwochen oder dem Holland Festival in Amsterdam. Dieses Jahr wird Kaleidoskop mit Susanne Kennedy, die eben zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen wurde und im Moment als eine der aufregendsten jungen Regisseurinnen gilt, bei der Ruhr-Triennale und im Berliner Gropiusbau ein „Orfeo“-Projekt zeigen – die Oper als begehbare Installation. Kaleidoskop bewegt sich gezielt zwischen den Genres – und genau diese interdisziplinäre Kunst überfordert die Gremien, die über die Vergabe von Projektmitteln entscheiden.
Die Künstler werden von inadäquaten Förderstrukturen dafür bestraft, dass sie wagemutig Neue Musik, Performance und szenische Installation verbinden. Jetzt wurde ihnen zum zweiten Mal die Basis-Förderung verweigert. Die Jury bestand aus Opern- und Neue-Musik-Experten, in deren Rezeptionsraster die Arbeit von Kaleidoskop nicht passt. Das spricht weder gegen Kaleidoskop noch gegen die Jury-Mitglieder – es spricht gegen die gesamte Förderstruktur, die streng nach Genres trennt. Die Kunst ist längst weiter.
Die Verweigerung der Basisförderung, ?die die Infrastruktur des Ensembles absichert, ist für Kaleidoskop ein massives Problem – und für die Berliner Kulturpolitik eine Blamage. „Das bestärkt mich in der Überzeugung, ?dass Kaleidoskop nicht in die bestehenden Förderstrukturen passt und es keinen Platz für unsere Arbeit jenseits punktueller Projektförderung gibt“, sagt Volker Hormann, der leidgeprüfte Geschäftsführer des Solistensembles Kaleidoskop.
Sein Argument: „Ein Titel im Haushalt wäre der einzige Weg, dem launischen Daumen-hoch und Daumen-runter zu entkommen, dem Tropf einzelner Projektförderung, welcher Planungssicherheit und die kontinuierliche Arbeit auf einem hohen internationalem Niveau schier unmöglich macht. Obwohl Kaleidoskop die interdisziplinäre künstlerische Arbeit praktiziert, von der überall geredet wird, wird hier wieder streng nach Sparten gefördert.“ Und wer jenseits enger Spartengrenzen arbeitet, wird bei der Förderung aussortiert. Hatte die vorherige Jury noch bescheinigt, dass es in Berlin drei Musikensembles gibt, die unbedingt eine regelmäßige Finanzierung brauchen – neben Kaleidoskop KNM Berlin und das Ensemble Mosaik –, kommt Kaleidoskop in den Überlegungen der neuen Jury nicht mehr vor. Und das, obwohl Tim Renner als selbst ernannter Freund der Freien Szene gerne auf „gut gebriefte Jurys“ setzt. 

Text: Peter Laudenbach

Foto: Tim Mintiens/ Jumpstart Jr. Foundation

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