Theater

„Baal“ am Deutschen Theater

Baal

Armer Baal! Das war doch mal das wildeste, wüsteste, moralfreieste Theatertier des ?20. Jahrhunderts. Vom Gerade-mal-Twen Bertolt Brecht 1918 in hochstrebendster und niederfahrendster Himmelsmetaphorik und -poesie zu Papier gebracht, ein willkommener Skandal seinerzeit und der Start in eine Dichterkarriere, die im Didaktisch-Epischen landete: die Geschichte von Baal, dem Säufer, Dichtergenie, Frauenverschlinger, Mädchenmörder, Bisexuellen – ein Pop-Star vor der Zeit, beim seit ewigen Zeiten als Poptheatermacher gelabelten Stefan Pucher also eigentlich in besten Händen. Doch Pucher, das wird hier nicht zum ersten Mal klar, hat von Rausch und Exzess längst Abschied genommen. In seiner „Baal“-Inszenierung am Deutschen Theater sind sie nur noch in Anführungszeichen gesetzt.
Das erste Bild schon gibt den Ton vor: Wild verkleidet zwar der fette Körper in ranziger Rokoko-Pracht, das lange Haar strähnig hängend, deklamiert Christoph Franken den hochtönenden „Choral vom Großen Baal“ wie ein Pennäler, der den wilden Mann mimt und trotzdem auf keinen Fall den nächsten Reim versemmeln will. Die braven Salonbürger auf der Bühne klatschen trotzdem enthusiasmiert (und die Kamera schweift ins brave Bürger-Publikum des DT), die Frauen (Tabea Bettin und Anita Vulesica) starten ihren Run auf den Möchtegern-Rowdy.
Die Road-Show, die sich in den nächsten zwei Stunden entfaltet, schweift ab und zu in Chris Kondeks präfabrizierte Schwarz-Weiß-Videos im expressionistischen Stummfilm-Modus ab und hält sich ansonsten in den Sperrholzgrenzen der brechtgardinenverhangenen Gestänge-Bühnen, die die Schauspieler eifrig herumschieben. Auf deren Kanzel residiert Frankens Möchtegern-Baal, im Bärenkostüm oder auch mal nackt. Und ganz am Ende da angekommen, wo er nie wirklich weg war: im dunklen Bürger-Anzug. Der Exzess, endgültig eingemeindet in den Mainstream. Traurig, aber immerhin: wahr.

Text: Barbara Burckhardt

Foto: Arno Declair

Baal, Deutsches Theater, Fr 26.12., 19.30 Uhr, ?Katen-Tel. 28 44 12 21

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