Retro-Show

„Ballroom Schmitz“ am Berliner Ensemble

In „Ballroom Schmitz“ sorgen Clemens Sienknecht und Barbara Bürk für unglaubliche Ent­deckungen – sie verweben die Berliner Radio- und Theaterwelt der 1920er-Jahre mit der späteren Popgeschichte

Matthias Horn

Von Bertolt Brechts Radiotheorie ist einiges überliefert. Dass in den 1920er-Jahren im Berliner Ensemble, damals noch Theater am Schiffbauerdamm, sogar echte Radioshows produziert wurden, dürfte jedoch selbst eingefleischte Brechtianer überraschen. Ausgräber dieser frühen Radio-Praxis sind Clemens Sienknecht und Barbara Bürk. Beide eroberten bereits mit amüsanten Tonstudio-Versionen von Klassikern wie „Effi Briest“ und „Krieg und Frieden“ die Thea­terwelt. „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ schaffte es 2016 sogar zum Theatertreffen.

Jetzt ist das Tonstudio, in dem der Fontane-Schinken einst verpoppt wurde, zu einem veritablen Ballsaal ausgebaut. „Ballroom Schmitz“ ist der Nachbau eines Ballsaales, aus dem in den 1920er-Jahren Radiostationen Live-Shows übertragen haben sollen. Hauptfigur ist eine bislang von der Geschichtsschreibung vollkommen ignorierte Szenegröße der 20er- und 30er-Jahre: Bernhard ,Bernie‘ Schmitz. „Er war Tänzer, Tanzlehrer und einer der ersten Radiopioniere, der hier in Berlin, auf der Bühne des Theaters, das jetzt das Berliner Ensemble ist, seine Radio-Show präsentierte“, erklärt Regisseurin Barbara Bürk. „Radio­übertragungen aus Theatern hat es damals viele gegeben, die Sender brauchten Sendematerial. Die Shows, die Schmitz entwickelte, waren eine Mischung aus Feature und Rezitation, aus Liedern und Werbeblöcken, immer mit und für Livepublikum, und auch live über das Radio versendet.“

Welche Verbreitung Schmitz mit seiner Radio-Show hatte, zeige sich laut Dramaturgin Sa­brina Zwach in dem heute noch gebräuchlichen Ausdruck „verschmitzt“, für jemanden, der auf lustige Weise pfiffig ist. Pikant dabei: Nach Bürks und Sienknechts Recherchen, die von einem auf der Bühne auch auftretenden Zeitzeugen namens Dr. Schliemann unterstützt wurden, hat manche bekannte Größe der damaligen Zeit beim Schmitzschen Ballroom mitgewirkt. Manch andere Größe wäre gern dabei gewesen. Bert Brecht etwa. „Ja, die beiden kannten sich“, berichtet Sienknecht. „Ernst Josef Aufricht, der damalige Intendant des Thea­ters am Schiffbauerdamm, der auch die ,Dreigroschenoperʻ finanziert hatte, wollte Schmitz gern als Choreografen für das heute legendäre Brecht-/Weill-Stück gewinnen. Das klappte dann nicht wegen Frauen­ge­schichten, die zwischen Brecht und Schmitz standen. Und dem Bernie Schmitz war der Brecht auch zu humorlos, um ihn in seine Radio-Show zu holen.“

Nicht nur für Theaterhistoriker verspricht der „Radioclub für Weltempfänger“ überraschende Entdeckungen. Besonders schrill ist, was Sienknecht, jahrelang Bühnenmusiker bei Christoph Marthaler und einst auch Begleitmusiker von Vicky Leandros, über die Wirkung des Musikers Bernie Schmitz auf die Rock- und Pop-Geschichte herausgefunden haben will. „Die Einflüsse sind unglaublich. Selbst die Beatles und die Rolling Stones beziehen sich auf Schmitz. Jimi Hendrix und Elvis Presley waren absolute Fans von ihm.“
Auf neue Coverversionen von Hendrix- und anderen Songs darf man also gespannt sein. Und die Verbindungen zu Sienknechts und Bürks gemeinsamer Klassiker-Trilogie aus „Effi Briest“, „Anna Karenina“ und „Madame Bovary“ werden offensichtlich: Durch ebenso feinsinnigen wie hochkomischen Musik-Einsatz, um Emotionen und Sinnzusammenhänge zu übertragen wie zu hintertreiben.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Eintritt 11 – 35 €

Mehr über Cookies erfahren