Theater

„Baumeister Solness“ an der Volksbühne

VB_baumeister_solness2_6483_c_ThomasAurinFrank Castorfs holzgetäfeltes Intendantenbüro in der Volksbühne wurde umdekoriert. Wo beim letzten Besuch noch das schöne Stalin-Porträt hing, räkeln sich jetzt auf einem Poster zwei nackte Damen. Sollte der ältere Herr im Nachthemd mit dem wirren Haar, der beeindruckenden Wampe und dem glasigen Blick, der wie ein Fall für die Demenz-Pflegeversicherung etwas renitent im Büro rumlungert, der in die Jahre gekommene Hausherr sein?

Nein, das ist der große Volker Spengler, ein Künstler, der es schon vor vielen Jahren zu seinem Lebensziel erklärt hat, von der Pubertät direkt und ohne den lästigen Umweg des Erwachsenendaseins in der Senilität zu landen. Hier spielt er einen gewissen Knut Brovik, einen Mann, der mal ein vielversprechendes Talent war, aber jetzt nur noch ein verbitterter Alter ist und mit Kennermiene, als wäre es das letzte Glas Whisky vorm Ableben, ein Glas Wasser schlürft. Trübe Aussichten. Und genau darum geht es an diesem Abend, um das Älterwerden und den eigenen Verfall, um die spöttischen oder wehmütigen Blicke zurück, um den Stolz auf die eigenen Talente und die Angst vor ihrem Verwelken.

Damit auch jeder weiß, wer hier wohnt, hat der Bühnenbildner Bert Neumann Castorfs Intendanz-Büro mit kleinen Veränderungen liebevoll nachgebaut. Schließlich wird ein Stück von Henrik Ibsen gegeben, der bekanntlich der Ansicht war, Schreiben bedeute, Gerichtstag über sich selbst zu halten. Das muss man Frank Castorf nicht zweimal sagen: Wenn er jemandem zutraut, sein eigenes Wirken zu beurteilen, dann doch wohl am besten Frank Castorf himself.

Castorf hat Ibsens autobiografisches Spätwerk „Baumeister Solness“ über einen berühmten, sich im Alter heillos in einer verunglückten Liebschaft zu einer Zwanzigjährigen namens Hilde Wangel und der Angst vor der nachdrängenden jugendlichen Konkurrenz verheddernden Architekten offen autobiografisch inszeniert: ein Selbstporträt des Künstlers als alter Mann. Aber weil wir nicht bei Rudolf Noelte sind, kommt die Inszenierung erfreulicherweise ohne die Gravität und Wehmut des Alterswerks, auch ohne Ibsens protestantische Selbstquälerei aus. Die verblühte Jugend ist noch lange kein Grund, erwachsen zu werden! Wir spielen, bis der Tod uns abholt. Die Stil-Lage schwankt zwischen fröhlichem Hau-drauf-Boulevard, gerne mit erhöhtem Nerv-Faktor, frei laufendem Quatsch samt knalliger Wowereit-Karikatur („Ich bin der Klaus, ich geb’ nie auf“) und dann doch melancholisch getönten Liebeserklärungen, zum Beispiel an Kathrin Angerer.

Als Solness-Castorf-Geliebte Hilde Wangel schlüpft sie noch einmal ins Rollenmuster der koketten Lolita, natürlich nicht ohne sich dabei über den Sexismus, der in ihr nur die unschuldig-verruchte Nymphe sehen will, lustig zu machen. Man sieht das und denkt an all die anderen tollen, verrückten, überdrehten, umwerfenden Angerer-Diven-Auftritte der Jahre und Jahrzehnte der langen Volksbühnen-Nächte, in denen das Theater dauernd der schönste und aufregendste Ort der Welt war. Ein anderer Volksbühnen-Held ist nur in Puppenform, dafür aber gleich im Dutzend präsent: Die erste Reihe des Zuschauerraums gehört lauter Henry-Hübchen-Doubles, die im Lauf der Veranstaltung auf die Bühne gezerrt, aufeinandergestapelt, mit Wasser bespritzt, auf ihre Penis­größe untersucht und launig beleidigt werden: „Nein, der ist nicht grenzdebil, der konnte sich den Text doch noch nie merken!“ Das muss eine besondere Form der Liebeserklärung sein, nicht nur, weil Kathrin Angerer irgendwann ausruft, dass sie mit ihrem Lieblingsdarsteller doch früher immer so tolle Szenen hatte. Stimmt!

Die Überblendungen zwischen Solness und dem inzwischen auch schon 62-jährigen Zampano vom Rosa-Luxemburg-Platz könnten direkter und plakativer nicht sein: „Ich bin der Frank!“, darf der furiose Marc Hosemann als Solness dann auch energisch ausrufen. Weshalb subtil, wenn’s auch anders geht. Dass Castorf Solness und sich selbst mit Marc Hosemann, dem amtierenden Turbo-Komiker der Volksbühne, besetzt hat, lässt darauf schließen, dass er sich selbst in Wirklichkeit natürlich immer noch als jungen Tunichtgut unter Genieverdacht sieht. Und für die nachdrängende Trendstreber-Jugend hat der Chef vom Rosa-Luxemburg-Platz sowieso nur ein „Tod den Hospitanten!“ übrig.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Herausragend

Baumeister Solness Volksbühne, Fr 6., Fr 13., Fr 27.6., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 24 06 57 77

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