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Klassiker

Becketts „Glückliche Tage“ am Deutschen Theater

Dagmar Manzel spielt in Samuel Becketts „Glückliche Tage“. Jeder einzelne Satz wird bei ihr zu einer kleinen Arie

Foto: Arno Declair

Das Sterben ist noch lange kein Grund, die Contenance zu verlieren. Winnie begrüßt jeden Tag mit einem erfreuten Seufzer, auch wenn sie sich kaum noch bewegen kann und ihr Gatte Willie hinter ihr in seiner Erdhöhle dem Tod entgegendämmert. Seit der Uraufführung von Becketts Zweiakter „Glückliche Tage“ 1961 ist die in ihrem Erdhaufen eingeschlossene Winnie eine ikonographische Figur des Theaters. Die Existenz-Komödiantin vertreibt sich die Zeit und das Warten auf den Tod mit entschlossen gepflegten Plauder-Künsten und einer Abfolge sorgsam kultivierter Rituale mit Spiegel, Wecker, Kamm und Medizin. Sich zu frisieren, gegen Abend etwas zu singen oder mit dem Gatten zu plaudern, auch wenn der vielleicht schon lange nicht mehr zuhört oder sich aus dem irdischen Elend in den tröstenden Schlaf gerettet hat, bietet immerhin einen Halt in der zäh vergehenden Zeit. Dagmar Manzel spielt Winnie jetzt am Deutschen Theater mit größtmöglicher Eleganz und einer Heiterkeit, die in jedem Moment um das mit grausamer Langsamkeit nahende Ende weiß. Die Verzweiflung ist dazu da, überspielt zu werden, und sei es mit einer Spieluhr, die einen berühmten Walzer aus Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ spielt: „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen…“ – Und weil Winnies Gatte Willie (Jörg Pose) irgendwann keine Laut mehr von sich gibt, ist das natürlich eine Andeutung dessen, was ihr als Witwe auch bald bevorsteht. Ganz am Ende des Spiels, vielleicht auch am Ende ihres Lebens, wird Winnie selbst wiederholen, was zuvor die Spieluhr gespielt hat: Lautlos wird sie das Lied singen wie ein traumverlorenes  Selbstgespräch, bis irgendwann am Ende all der glücklichen Tage die Lippen schweigen werden.

Manzels strahlendes Spiel hat nichts mit Verdrängung und viel mit dem Wissen darum zu tun, dass Selbstmitleid der Restlebenszeit die Würde nehmen würde. Dass das Leben zu einer Abfolge quälend leerlaufender Tage geschrumpft ist, wird mit der Souveränität der Grand Dame als Herausforderung angenommen: Nur keine Schwäche auf den letzten Metern. Manzel kostet ihre Vokale mit Hingabe aus, jeder Satz eine kleine Sprech-Arie. Ihre Winnie genießt die großen Gesten, so lange sie noch zu ihnen fähig ist. Weil es entschieden unter ihrer Würde wäre, sich etwas vorzumachen, malt sie sich illusionslos aus, wie ihr erst die noch möglichen Bewegungen und dann die Worte ausgehen werden: „Nein, man kann nichts tun, das eben finde ich so wundervoll.“ Das hat in Christian Schwochows Regie (die man vielleicht eher ein szenisches Arrangement nennen sollte – es ist Manzels Spiel, nicht sein Regiehandwerk, das den Abend trägt) gleichzeitig eine tolle Grandezza und einer schöne Lebensklugheit: Wenn schon jeder Tag ein Schritt in Richtung Tod ist, kann man die Folge lauter letzter Tage ja wenigstens mit Anstand genießen. Der berühmteste Erdhaufen der Theatergeschichte ist dafür nicht mehr nötig: Manzel genügt als Existenzgefängnis ein Stuhl vor einer verspiegelten Wand.

Deutsches Theater Schumannstr. 13, Mitte, Eintritt 12–48 €

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