Theater

Begegnung mit Claus Peymann

Claus_PeymannDer Journalist Thomas Irmer hatte die Ehre, Claus Peymann anlässlich des 80. Geburtstags von Thomas Bernhard für einen Fernsehbeitrag zu interviewen. Kein anderer Regisseur hat so viele Ins­zenierungen von Bernhard-Stücken hervorgebracht wie Claus Peymann. Keine Begegnung zwischen zwei Theaterkünstlern war so durchschlagend wie diese: In ihren guten Jahren waren Bernhard & Peymann die Smith & Wesson des deutschen Stadt-, wenn nicht des Welttheaters. Heute ist der eine tot und der andere BE-Intendant. Claus Peymann sprach mit Thomas Irmer über seine Beziehung zu Thomas Bernhard und über seine neue Bernhard-Inszenierung „Einfach kompliziert“. Im Lauf des Gesprächs verwandelte sich Claus Peymann vor Irmers Augen in eine Figur von Thomas Bernhard. Wir veröffentlichen Auszüge aus Thomas Irmers Aufzeichnungen, mit denen er seine Peymann-Begegnung, die einerseits eine großartige, andererseits eine nichts als groteske gewesen ist, festgehalten hat. Was davon die reine Wahrheit, was eine Erfindung, was eine Fieberfantasie, was einfach nur frei laufender Redeschwall ist, wissen vermutlich nicht einmal Claus Peymann und Thomas Irmer. (Die Redaktion)

Alles war gut. Claus Peymann strahlte in die Kamera. Der Thomas Bernhard sei ja ab 1970 sein Lebensdramatiker gewesen, so Peymann, und heute fehle er, Bernhard, so sehr, dass keine Rede mehr von einer solchen Lebensdramatik sein könne, denn mit dem „Heldenplatz“ sei 1988 ihr absoluter Höhepunkt erreicht worden, der ganz Österreich auf den Kopf gestellt habe, sodass man fortan von einem reißzahnartigen Einschnitt in die Nachkriegsgeschichte habe sprechen müssen, in die österreichische Nachkriegsgeschichte naturgemäß, aber auch in die Geschichte der Lebensdramatik schlechthin, so Peymann in der ihn beschwingenden Vorfreude auf den ersten großen, für ihn als Bernhard-Regisseur ja neuen Bühnen-Bernhard nach 22 Jahren, in denen ihn der Meister aus Oberösterreich nie verlassen habe, obwohl er ja bekanntlich vor genau 22 Jahren starb, kurz nach dem furiosen „Heldenplatz“-Sieg über die Misthaufen vor dem Burgtheater in Wien, wo jetzt ja die Fernsehaufzeichnung dieser historischen Inszenierung von Peymann, so Peymann, auf dem echten Heldenplatz gezeigt werden solle, für 30 000 Zuschauer, aber er, Peymann, zögere noch, auch wenn überall im nichtösterreichischen Ausland die Claus_Peymannroten Teppiche nur so ausgerollt würden, vor allem in Moskau und Rio, wenn er, Peymann, sich als der Bernhard-Regisseur zu erkennen gebe, der all die Bernhard-Uraufführungen von der ersten mit „Ein Fest für Boris“ bis zur letzten mit „Heldenplatz“ aufgeführt habe, mit den Teppichen könnte man den Heldenplatz vollständig polstern, aber er zögere, sagte Peymann ohne zu zögern, auch weil er vor allem gerade mit dem Stück „Einfach kompliziert“ beschäftigt sei, das doch etwas schwieriger sei als sein Titel glauben mache und dann doch viel mehr hergebe, diese Geschichte eines alternden Schauspielers allein in seiner Wohnung, der von einem Mädchen besucht werde, das ihm Milch bringe, da sei eine Liebesgeschichte verborgen und von ihm, Peymann, gemeinsam mit dem großen Gert Voss freizulegen, was gewiss auf den Proben, die ihn an diesem Tag schon zu Tränen gerührt haben, noch weiter auszuloten, ja regelrecht auszuforschen sei bei diesem gemeinhin unterschätzten Stück, das nun also zur kleinen Gruppe unterschätzter Bernhard-Stücke gehöre, wogegen die große Gruppe hochgeschätzter  Bernhard-Stücke wie „Ritter, Dene, Voss“ für ihn, Peymann, den Bernhard-Uraufführer, ja nur eine Wiederholung sein könnte, eine Wiederholung dessen, was Bernhard seinerzeit selbst eine Erfüllung genannt habe und deshalb an weiteren Inszenierungen gar nicht mehr interessiert gewesen sei, dieses Erfüllungsschicksal stehe dem Stück „Einfach kompliziert“, obwohl es einmal für den großen Minetti geschrieben und von diesem Genie in der Uraufführung am Schiller-Theater gespielt worden sei, so Peymann, trotzdem noch bevor und das Erfüllungsschicksal von „Einfach kompliziert“ würde jetzt auch deshalb auf dem Spiel stehen, weil der große Voss praktisch in die Schuhe des großen Minetti trete und darauf achte, auf dem roten Teppich zu bleiben, der sich gewissermaßen rückwärts wie vorwärts durch das Theaterleben von Peymann, so Peymann, ziehe, obwohl der Bernhard, der im Grunde geborene Teppichverächter, von der gesellschaftlichen Wirkung des Theaters, wie Peymann sie immer und bis zum heutigen Tage vertreten habe, so Peymann, im Grunde überhaupt nichts gehalten habe – es sei alles albern, so Bernhard immer wieder zu Peymann, so Peymann, was solle das denn heißen, die Gesellschaft verändern, habe Bernhard immer wieder eingewandt, das sei doch völlig vergeblich und deshalb seien seine Stücke, insbesondere „Einfach kompliziert“, perfekte Kunstvergeblichkeitsstücke als solche, denen als letztes, so Peymann, in nun gesteigerter Vorfreude auf die Premiere, der Bernhard noch ein Stück über Niki Lauda habe hinzufügen wollen, über einen Mann, der sein ganzes Leben immer im Kreis gefahren sei und nun in einer seltsamen, uns nun für immer fehlenden Einsicht damit aufhören wolle, immer im Kreis zu fahren. Alles war bestens. Bis ich feststellen musste, dass die Kamera aus war.

Text: Thomas Irmer

Foto: Gerd Engelsmann /Berliner Zeitung

Einfach kompliziertBerliner Ensemble, 17., 18., 25., 26. 2., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren