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Marthaler

„Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ in der Volksbühne

Ich hasse diese Wanderausstellungen: Christoph Marthaler macht mit der Saisoneröffnung Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter klar, weshalb die Volksbühne noch das beste Theater der Welt ist – und das Lebenswartezimmer-Stück die beste Glücksdroge

Foto: Walter Mair

Mit der Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit an der Volksbühne macht Christoph Marthaler das nahende Ende der Castorf-Jahre indirekt und sehr verspielt zum Thema, aber seine Inszenierung ist viel zu souverän und leicht, als dass sie Verbitterung oder beleidigte Gesten nötig hätte. Lieber denkt sie über das Leben nach oder singt sehr innig und angemessen verloren Schubert-Lieder, also so etwa das schönste und wehmütigste, was es gibt. Ihr eigentliches Thema sind nicht Kleinigkeiten wie Dercon oder Renner, sondern, naja, das Vergehen von Lebenszeit. Christoph Marthaler knüpft mit seiner neuen, seiner wohl letzten Volksbühnen-Inszenierung an seine erste Arbeit an diesem Theater an, die Inszenierung, die ihn vor 23 Jahren berühmt gemacht hat: „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ Das war ein leiser Abgesang auf das 20. Jahrhundert mit seinen Utopien und Massakern. Vom rechten Bühnenrand kamen aus einem Ofen die Lieder der Kommunisten und der Nationalsozialisten wie ein kaputter Nachhall vergangener Hoffnungen und Menschheitsverbrechen. Auf der Bühne saßen lauter Übriggebliebene, etwas depressiv und überflüssig geworden, als hätte sie das monströse Jahrhundert in eine funktionsoptimierte Gegenwart ausgespuckt. Marthalers Jahrhundertinszenierung war wahrscheinlich das melancholischste, warmherzigste, ratloseste Abschiedsgeschenk, das das Theater der kleinen, von der Geschichte zu Recht entsorgten DDR und ihren großen Ideologien (die ja nicht immer nur betonierte Lügen waren) machen konnte.

Seine neue Inszenierung wirkt wie ein trauriges, komisches, hochvirtuoses Echo dieses frühen Meisterwerks. Fast alle noch lebenden „Murx“-Schauspieler sind wieder dabei: der versponnene Jürg Kienberger singt mit hoher Stimme und baut sich mit seiner Musik einen Kokon aus Verschrobenheit gegen die hässliche Welt da draussen. Der rätselhafte Ueli Jäggi stiert immer noch den unerreichbaren Frauen hinterher. Olivia Grigolli im goldenen Ballkleid macht mit ihren Beinen die abenteuerlichsten Späße. Hildegard Alex sagt kurz und trocken und ziemlich endgültig, was Sache ist: „Der liebe Gott hat ganz schön Glück, dass es ihn nicht gibt.“ Und weil 23 Jahre eine lange Lebenszeit sind, sind sie alle etwas klappriger und zerbrechlicher geworden. Ulrich Voß zum Beispiel, ein zarter Riese, weit über 70, tanzt mit dem Luftstrom, den eine Windmaschine auf die Bühne und in sein Gesicht bläst. Er sieht glücklich und leicht aus, als würde er gerade entdecken, was für ein tolles Abenteuer das Leben ist und was für ein unglaubliches Geschenk das Theater sein kann. Man sieht diesen sehr alten, sehr jungen Mann, der davor einige eher bittere Szenen als ein hoffnungslos Verlorener hatte – jemand, der sich in der Welt nicht mehr zurechtfindet, aber jetzt tanzt, und alles ist gut. Man würde gerne etwas von der Schönheit und dem Glück dieser Theaterminuten mit sich nehmen; dann hätte man immer einen Vorrat an Hoffnung und Vertrauen ins Leben.

Die „Murx“-Schauspieler, die wie die große Susanne Düllmann oder der gediegene Herren-Darsteller Klaus Mertens an diesem Abend leider verhindert sind, weil sie nicht mehr leben, sind natürlich trotzdem anwesend. Düllmann zum Beispiel, wenn Irm Hermann in einer Schlüsselszene Düllmanns „Murx“-Kostüm trägt. Klaus Mertens hilft der Aufführung, indem er aus dem Off und aus dem Jenseits einen seiner „Murx“-Sätze ruft: „Ein bisschen mehr hätte ich noch gerne.“ In „Murx“ meinte er damit Kuchen, aber jetzt, wo er tot ist, und wir alle schon etwas älter geworden sind, denkt man natürlich: Ja, genau, ein bisschen mehr von diesem Leben und diesem Theater hätte man schon noch gerne. All die Abschiedsgesten der Inszenierung, die zerbrochenen Musikinstrumente, die immer wieder rausgeschobenen, abgeschobenen Schauspieler, die sich gespenstisch öffnenden und schließenden Flügeltüren müssen als dezente Hinweise darauf genügen, dass der Spaß irgendwann vorbei ist.

Der Titel des Abends „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ variiert den Titel eines Stücks von Botho Strauß, in dem bundesrepublikanisches Neurosenbürgertum in einem insolventen Hotel in Königswinter sich die Lebenszeit mit Beziehungskram vertreibt – etwas ratlos, etwas ortlos, etwas ziellos. Das passt natürlich gut zu den Insassen von Marthalers Lebenswartezimmer (Bühne: Anna Viebrock), die außer ihren Liedern, konkreter Poesie und liebevoll kultivierten Schrullen auch nichts haben, woran sie sich halten können. Aber wenn die Lieder von Sophie Rois gesungen werden und wenn Irm Hermann minutenlang nervös krächzend auf und ab geht (bis man nur vom zusehen den eigenen Psychosen einen guten Tag wünschen möchte), ist dieser Abend um nichts und um alles natürlich die beste legale Glücksdroge, die derzeit zu haben ist.

Was für eine Schande, dass die Berliner Kulturpolitik das Theater, an dem solche Wunderwerke gedeihen, entsorgt. Die Zukunft der Volksbühne als hipper Touristen-Hotspot mit Kunstbetriebsanschluss wird natürlich auch gestreift. Zu Beginn des Abends trägt ein Bühnenarbeiter (Marc Bodnar) Kisten auf die Bühne. Als er eine aufschraubt, sitzt darin Irm Hermann. Sie ruft: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ Ganz am Ende des Abends genügt ein Wort, um noch einmal an einen „Murx“-Hit zu erinnern: „Danke“. Genau: Danke.

Volksbühne

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