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„Bella Figura“ an der Schaubühne

Bella Figura machen? Das heißt hier so viel wie: sich zusammenreißen. Haltung bewahren. „Bevor du dich in die Garonne stürzt, wenn du das möchtest, mein Schatz, könntest du an deinem letzten Abend Bella Figura machen, wie ein wirklich großer Spieler“, wünscht sich Andrea (Nina Hoss) von ihrem Liebhaber Boris (Mark Waschke), der ein ziemlicher Hanswurst ist. Da liegt bereits ein komplett verkorkster Abend hinter den beiden. Im streitbedingten Erregungszustand fährt Boris auf dem Parkplatz auch noch die Jubilarin Yvonne (Lore Stefanek) an, die mit Sohn Erik (Renato Schuch) und Schwiegertochter Françoise (Stephanie Eidt) ihren Geburtstag feiern will. Pikant bis peinlich: Françoise ist die beste Freundin von Boris’ Frau.
Wenn die gesellschaftlich verabredete Heuchelei nicht mehr funktioniert, wird es peinlich im jüngsten Stück der französischen Erfolgsdramatikerin Yasmina Reza. ­Tho­mas Ostermeier hat an der Schaubühne die Uraufführung mit Starbesetzung inszeniert. Schon vor der Premiere ist die Inszenierung auf Wochen ausverkauft. Als zum letzten Mal ein Reza-Stück an der Schaubühne lief, hieß die Intendantin dort noch Andrea Breth. Es war die von vielen als reaktionär geschmähte „Ich sehe was, was du nicht siehst“-Komödie „Kunst“, ein Quotenkracher, der schließlich ans Renaissance-Theater abgegeben wurde.
„Für Schaubühnen-Chef Ostermeier war schon lange klar, dass er irgendwann bei Reza landen würde. Allerdings nicht, um eine Schaubühnen-Tradition fortzusetzen. Sondern „weil Reza Themen behandelt, die ich auch in meinen Ibsen-Inszenierungen anspreche“, sagt der Regisseur vor der Premiere. Wie bei Ibsen könne man auch in Rezas bösen Komödien die Brüchigkeit der bürgerlichen Fassaden und das moralische Rudern einer Mittelschicht besichtigen, findet Ostermeier. Und die Lebenslügen eines Juste­mi­li­eus, das gleichzeitig liberal sein, aber sich von althergebrachten Glücksnormen auch nicht lösen will, sind natürlich theatralisch ergiebig.
 Es ist übrigens genau dieses arrivierte Bürgertum, das in der Voraufführung zwei Tage vor der Premiere sitzt. Der Altersdurchschnitt des Schaubühnen-Publikums ist um gefühlte 30 Jahre gestiegen. Der Preis seiner Abendgarderobe um mindestens 100 Prozent. Von Reza lässt man sich die eigenen Verlogenheiten halt am liebsten vorführen.
Wobei das in diesem Fall sehr viel weniger champagnerspritzig oder edelboulevardesk vonstatten geht, als viele wohl gehofft haben. Zwar gibt es Situationen, deren Fallhöhe für die Klientel extrem anschlussfähig sein dürfte, etwa wenn ein Notizbuch aus Straußenleder ins Klo fällt. Oder die 480-Euro-Pumps drücken. Aber „Bella Figura“ ist eine Komödie in Moll. Nicht von ungefähr siedelt Reza ihr Stück unter freiem Himmel an, wo die Mücken stechen, die Frösche nerven und die Sterne sich nicht zeigen wollen. Der Mensch ist der Natur nicht gewachsen, schon gar nicht der eigenen. Und kosmisch betrachtet sind seine Probleme sowieso ein Witz. Weswegen Ostermeier als Perspektivkontrast immer mal Großaufnahmen von wuselnden oder stoisch dreinblickenden Insekten einblendet. Bühnenbildner Jan Pappelbaum hat ihm dafür eine große Leinwand hinter die Drehbühne gestellt, auf der ein echter Peugeot oder teures Restaurantmobiliar nebst Hummerbecken rotieren. Reza-Naturalismus der noblen Sorte.
Ostermeier hatte schon mehrfach das Angebot, Werke der als prätentiös gefürchteten Französin uraufzuführen. Darunter „Ein spanisches Stück“, was der Schaubühnen-Chef aber an den Kollegen Jürgen Gosch abtrat („blöd im Nachhinein“). Dafür hat er mit „Bella Figura“ jetzt einen exklusiv fürs Schaubühnen-Ensemble geschriebenen Stoff auf den Tisch bekommen. Reza hatte am Lehniner Platz „Die kleinen Füchse“ gesehen und beim anschließenden Abendessen zugesagt, sich eine Geschichte für die Protagonisten Hoss und Waschke auszudenken.
Klar sieht das ganze nach kalkuliertem Kassenhit aus. Starautorin, Starbesetzung.
„Wenn wir eines im Moment nicht brauchen, ist es ein weiterer Blockbuster“, widerspricht Ostermeier. Das Problem sei schon jetzt, dass vielgefragte Vorstellungen wie „Hamlet“, „Richard III.“ oder „Tartuffe“ nicht oft genug angesetzt werden könnten. „Die Leute sitzen ab 13 Uhr auf Stühlen an der Kasse und warten auf Restkarten.“ Und die Besetzung will er sich schon gar nicht vorhalten lassen. „Ich habe keinen Star von draußen geholt.“ Nina Hoss und Mark Waschke seien feste Ensemblemitglieder. Waschke – mit einer kurzen Unterbrechung – bereits seit 16 Jahren.
„Dass die eine das Gesicht des neuen deutschen Films ist und der andere ‚Tatort‘-Kommissar, dafür kann ich nichts. Soll ich sie deswegen nicht besetzen?“
 Tatsächlich hat man gerade Nina Hoss, die ja auch glatt und langweilig sein kann, lange nicht mehr so gut gesehen. Als pharmazeutisch-technische Assistentin unter Pilleneinfluss bewegt sie sich schwankend, aber trittsicher zwischen Einsamkeitsabgrund und Provokationslust. Lore Stefanek hat würdevolle Momente großer Komik als verschusselte Jubilarin, deren Ausfälle gegen „Zigeuner“ hektisch weggelächelt werden. Die Bilanz des Abends besorgt Hoss als Andrea: „Man bildet sich ein, die Armee rücke vor, aber man verkümmert an Ort und Stelle“. Mehr existenzielle Erkenntnis, als man von einem Reza-Stück erwartet hätte.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Arno Declair

Adresse + Termine: Schaubühne, ?Karten-Tel. 89 00 23

Yasmina ?Reza: Der Theaterstar, 56, gilt als die weltweit meistgespielte zeitgenössische ?Theaterautorin. Zu ihren erfolgreichsten Stücken zählen die Komödien „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“, das 2011 von Roman Polanski verfilmt wurde. Daneben schreibt Reza, Tochter eines Iraners und einer Ungarin aus gutbürgerlicher, jüdischer Familie in Paris, Romane, Erzählungen und Drehbücher. Über den Präsidentschaftswahlkampf von Nicolas Sarkozy, den sie 2007 begleitete, hat sie die Reportage „Frühmorgens, abends oder nachts“ verfasst. Zuletzt erschien von Reza auf Deutsch der Band „Glücklich die Glücklichen“ (2014).

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