Theater

Berlin wird Opernhauptstadt

Xerxes„Händel, seit 250 Jahren in den Charts!“ Dieser schöne Satz ist eine Binsenweisheit. Denn Klassik ist Pop von gestern. Und der Satz ist doppelt wahr. Nach einer Studie des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK ist nie zuvor mit Klassik-Konzerten ein solcher Umsatz gemacht worden wie im Jahr 2011. „Mittlerweile machen Konzerte mit klassischer Musik, Oper und Operette den Löwenanteil des Livemusikmarktes aus – noch vor Rock, Pop und Musicals“, berichten die Marktforscher. Wer hätte das vermutet? Doch es ist bei näherem Hinsehen kein Wunder. Klassik-Konzerte, Opern und Theater haben längst ein größeres Publikum als die Bundesliga. Wie der Berliner Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm so schön bemerkt: „Tja, wir spielen nämlich jeden Tag.“

JuergenFlimmDie Klassik floriert. Und es wäre nicht überraschend, wenn die Klassik in der kommenden Saison noch einmal der Pop von heute oder sogar von morgen würde. Sie ist eine pumperlgsunde, unverwüstliche Ware. Wer Mut und Neugier hat und sich über das hehre, spießig-exklusive Getue der Klassik-Szene hinwegsetzt, findet in Oper, Konzert und Musical eine unsinkbare Kunst von oft erstaunlicher Kraft.
Unberechenbar lebendig präsentiert sich zurzeit die Oper der Hauptstadt. Man schaue sich Händels rasenden, in Witzen und Knallern sich überstürzenden „Xerxes“ an der Komischen Oper an (Regie: Stefan Herheim): Eine „SeXyReXy“-Revue mit Federbusch, Wolkenprospekten und Maschinen-Zunder.
Wie sich die Krisen ändern! Noch vor wenigen Jahren konnte man in Berlin nicht in die Oper gehen, ohne dass einem das Hieb- und Stichwort von der „Berliner Opernkrise“ um die Ohren gehauen wurde. Zu viele Doubletten! Abgehangene Ware! Mindestens ein Haus zu viel! Dann kam ein zu Recht oft angezweifelter Kultursenator namens Wowereit. Die Opernkrise beendete er … ja, wie eigentlich? Weiß der Teufel, wo die Krise geblieben ist. Er weiß es selber nicht.

Dietmar_SchwarzRegie-Haupttreffer wie „Rienzi“ von Philipp Stölzl, „Jenufa“ von Christof Loy oder die „Entführung aus dem Serail“ für Erwachsene (Regie: Calixto Bieito) sorgten dafür, dass nicht mehr nur Barenboim und Rattle die Klassik-Lobeshymnen unter sich aufteilen. Opern-Berlin macht sich wieder. Und tritt aus den langen Schatten der Vergangenheit von Felsenstein, Kupfer, Götz Friedrich und Co. endlich heraus.
Zwei neue, schwule Opernintendanten starten in dieser Spielzeit mit dampfendem Ehrgeiz und neuen Namen. Dietmar Schwarz (55), der neue Chef der Deutschen Oper, war es, der Basel gleich zweimal zum „Opernhaus des Jahres“ machte. Mit Robert Carsen und Jan Bosse präsentiert er jetzt in Berlin einige der heißesten Namen mit Opern-Neuproduktionen. Big Shots und Gesangsstars wie Edita Gruberova, Elina Garanca, Klaus Florian Vogt und Erwin Schrott sollen auf der Bühne an der Bismarckstraße wieder zur Regel werden. Und Barrie Kosky (45), der ab dieser Spielzeit die Komische Oper leitet? Scheint sich abzunabeln vom ewigen Konkurrenzlauf mit den beiden größeren, zahlungskräftigeren Häusern und setzt auf einen originellen, dem intelligenten Entertainment nicht abgeneigten Spielplan.
Diese Vertreter eines mieffreien Opernbegriffs versprechen einen Bruch mit den unerfreulicheren Berliner Traditionen. An der Deutschen Oper duckt man sich nicht mehr in der Pose, abgelegte Werke der Operngeschichte auszugraben und sich ansonsten in Bescheidenheit zu üben, so als könne man der Staatsoper ohnehin nicht das Wasser reichen. Und die Hardcore-Publikumsvergraulung, die an der Komischen Oper lange Zeit praktiziert wurde, scheint unter Kosky auch keine Fortsetzung zu finden.

BarryKoskyPop ist populäre Massenkultur; ganz ähnlich, wie es die Klassik bei guten Bildungsstandards auch sein könnte. Dann nämlich, wenn man die bizarren Schätze nicht künstlich wegschließt und in Vitrinen luftdicht abschottet. Neue Spielstätten und Veranstaltungsformate müssen her! Von dieser Wahrheit scheinen die neuen Herren durchaus überzeugt – und öffnen Hinterbühnen, Werkstätten und ungewöhnliches Repertoire für mehr Publikum. Keine Frage, dass Oper die krasseste Kunstform ist, die sich denken lässt. Mit diesem Pfund muss man wuchern. Oper ist das am längsten und tiefsten schlafende Dornröschen der Hauptstadt. Muss halt immer wieder wach gemacht werden, das dicke Mädchen.
Wenn es am queeren Doppelgespann von Schwarz und Kosky noch etwas zu rühmen gibt, so wäre es die Tatsache, dass sie dem saturierten Onkel Jürgen von der Staatsoper, dem in Ehren ergrauten Professor Flimm, kokett Paroli bieten werden. Oper in Berlin ist wieder spannend. Weil zwei neue Herren in Aufbruchsstimmung einen Ruf zu verlieren haben. Dass Oper wieder Pop wird, ist in der neuen Spielzeit weitaus wahrscheinlicher als Perlen und Puffscheitel vermuten lassen.


Text: Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Forster, Doris Spiekermann-Klaas, Peter Badge/DeutscheOperBerlin, Gunnar Geller

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