Theater

Berliner Bühnen gegen den sozialen Ausschluss

maxim_gorkiArmut hat auf der Bühne immer Konjunktur. Derzeit zum Beispiel am Deutschen Theater, wo Gerhart Hauptmanns lumpenproletarische „Weber“ ihre Verzweiflung ins Parkett brüllen. Oder an der Schaubühne, wo die Erniedrigten und Besoffenen durch Maxim Gorkis „Nachtasyl“ geistern. Nur: Wie gehen die Theater, die die Sozialverlierer gerne auf der Bühne zeigen, selbst mit denen um, die wenig Geld haben? Bleibt das gutbürgerliche Publikum im Parkett unter sich oder versuchen die subventionierten Theater und Opern auch Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener zu erreichen, die sich keine Eintrittskarte für 20 oder 40 Euro leisten können?

„Theater ist eine öffentliche Leistung, die wie das Gesundheitssystem oder das Straßennetz für alle zugänglich sein muss, ohne soziale Schranken“, findet Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters. Gorki-Intendant Armin Petras betont: „Schon aufgrund unseres inhaltlichen Anspruchs, ein Theater zu sein, das sich mit sozialen und politischen Fragen auseinandersetzt, müssen wir dafür sorgen, dass diejenigen, über deren Probleme wir reden, auch im Theater sind.“ Schon aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit entwickeln die Bühnen Strategien gegen den sozialen Ausschluss.

Ermäßigungen für Schüler, Studenten und Arbeitslose sind selbstverständlich. Hartz-IV-Empfänger können an den meisten Berliner Bühnen Eintrittskarten für gerade mal drei Euro kaufen. Eingeführt wurde das Drei-Euro-Sozialticket 2005 vom damaligen Kultursenator Thomas Flierl. Man bekommt die verbilligten Karten gegen Vorlage des berlinpass, der etwa Hartz-IV-Empfängern vom Bürgeramt ausgestellt wird. Allerdings verkauften die Bühnen 2005 nur rund 4000 Sozialtickets, 2009 waren es 22.051 Karten. Torsten Wöhlert, Pressesprecher der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten, räumt ein: „Es könnte noch viel bekannter sein.“ Ob und in welchem Umfang sie Sozialtickets anbieten, entscheiden die Theater selbst. Auch wenn  dieses Angebot politisch gewollt ist, müssen die Theater ihr Einnahmesoll erreichen. Und das wird schwieriger, wenn sie Karten statt zum regulären Preis für drei Euro verkaufen.

Kay Wuschek, der Intendant des Kinder- und Jugendtheaters an der Parkaue, bewirbt die Drei-Euro-Karten offensiv. Seine Bühne ist der unangefochtene Spitzenreiter bei den Sozialtickets, 5114 waren es 2009. „Von den 300.000 Schülern in Berlin wachsen knapp 100.000 in Hartz-IV-Familien auf“, rechnet Wuschek vor. „Und es ist immer ein unangenehmer Moment für die Lehrer, da Geld für einen Theaterbesuch einzusammeln.“ Eine Zeit lang bot die Parkaue deshalb Kindern aus Geringverdienerfamilien die Sozialkarten sogar für 1,50 Euro an, was allerdings den Unmut der schlechter subventionierten Kinder- und Jugendtheater-Konkurrenz erregte. Zusätzlich hat Wuschek Kulturpatenschaften eingeführt: Firmen oder Privatleute können einen kompletten Klassensatz Karten sponsern. Dass Kinder „wie alle anderen Menschen auch“ selbstverständlich am Kultur­leben teilhaben, „kann man nur hoffen“, findet Volker Ludwig, der Intendant des Grips Theater, dem zweiten großen Kinder- und Jugendtheater Berlins.

Warum aber machen die Bühnen das Drei-Euro-Ticket nicht bekannter? Wohl nicht aus Angst, dass damit vornehmere Zuschauergruppen verprellt werden könnten, wie es sich Armin Petras, leicht spöttelnd, „bei der einen oder anderen Oper“ vorstellen kann. Dazu kommt: Nicht jeder outet sich an der Theaterkasse gerne als Hartz-IV-Empfänger. Carsten Höth, Vertriebsleiter der Schaubühne, die 2009 bei insgesamt rund 100.000 Besuchern gerade mal 476 Sozialtickets verkauft hat, beobachtet „eine große Schamgrenze“ bei denjenigen, die an der Kasse den rosafarbenen berlinpass vorzeigen.

Den gesamten Text von Patrick Wildermann finden Sie in der tip-Ausgabe 04/2011.

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