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Berliner Schrumpf­formate

Dorion Weickmann schreibt über Tanz, Stadt und Politik

Virve Sutinen hat verstanden. Für die erste von ihr kuratierte Tanz-im-August-Ausgabe holt die Finnin nach Berlin, was hier ansonsten Mangelware ist: zeitgenössischen Tanz, großformatig produziert und von internationalen Schwergewichten choreografiert. Von Anne Teresa De Keersmaekers kosmogonischem „Vortex Temporum“ über La Veronals hispanisiertes „Siena“ bis zum „Plateau Effect“ des schwedischen Cullberg Balletts schafft Sutinen heran, was sich allenfalls noch beim benachbarten Foreign-Affairs-Festival besichtigen lässt: Spitzenerzeugnisse aus Europa, den USA und Kanada, deren Dimensionen die ebenso kleinteilige wie kosten­günstige Berliner Solo-, Duo-, Trio-Routine sprengen. Von den insgesamt 21 Werken, mit denen die Tanz-im-August-Strecke bestückt ist, fällt etwa die Hälfte in die Kategorie Großformat. Was bedeutet, dass mehr als eine Handvoll Tänzer auf der Bühne stehen. Was bedeutet, dass hier und da sogar Musiker mit von der Partie sind. Was bedeutet, dass kollektive Vielfalt jene Miniaturen ablöst, die rund ums Jahr durch alle Tanzspielstätten geistern. Mit dem Ergebnis, dass gesellschaftskritische Bilder, Abbilder, Spiegelungen in der Tanz­sparte nahezu Seltenheitswert besitzen.
Eine Stadt wie Berlin, multiethnisch geprägt und von sozialer Spreizung gezeichnet, lässt sich in Schrumpfformaten weder einfangen noch reflektieren. Auch der Tanz muss mehr als ein bis drei Protagonisten aufbieten können, will er auf das Hier und Heute reagieren. Was aber ist die hauptstädtische Realität, vor und nach der Festival-Saison? Außerhalb der festen Häuser gibt es gerade mal zwei Ensembles, die mit festen Stellen relativ stabil arbeiten konnten: die Compagnie von Toula Limnaios und Sasha ­Waltz & Guests. Limnaios macht mit sieben Tänzern weiter, aber Waltz – immerhin das internationale Aushängeschild der Szene – musste vor Monaten alle künstlerischen Akteure entlassen. Weil der Senat sich nicht in der Lage sah, ihren Etat um zwei Millionen Euro aufzustocken.
Zwei Millionen Euro? Das sind genau fünf Prozent dessen, was das Berliner Staatsballett an jährlicher Subvention kassiert. Die über 80 Köpfe zählende Klassik-Equipe hat zuletzt Spielzeit um Spielzeit an künstlerischer Sub­stanz verloren, weil ihr Frontmann Vladimir Malakhov das Repertoire mit Traditionsschinken und harmlosen Amüsierhappen stopfte. Ab sofort wird er durch den Spanier Nacho Duato ersetzt, der zuletzt durch nichts anderes aufgefallen ist als – die Inszenierung von Tradi­tionsschinken. Damit steht die einzig proper alimentierte und großformatfähige Tanztruppe der Stadt vielleicht kurz davor, in einen dauerhaften „Dornröschen“-Schlaf zu fallen. Ästhetisches Raffinement, Gegenwarts- und Gesellschaftsrelevanz sind von ihr nicht zu erwarten. Oder wären, falls sie doch zustande kämen, zumindest eine sensationelle Überraschung. Duatos Berufung und die faktische Abwicklung des ­Waltz-­Ensembles gehen aufs Konto von Wowereits ehemaligem Adlatus, Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz, der über eine Steueraffäre aus dem Amt stolperte. Sein Nachfolger Tim Renner hat zur Entwicklung der haupt­städtischen Tanzszene noch nichts Substanzielles verlauten lassen. Lieber twitterte er Selfies und bereitete dem scheidenden Malakhov einen sentimentalen Abschied. Was nichts Gutes verheißt. Denn Renner hat in Sachen Tanz eine stattliche Zukunftsagenda abzuarbeiten. Er muss erstens dafür sorgen, dass die Sparte endlich aufschließt zum Niveau anderer Metropolen, etwa Paris und London. Selbst Düsseldorf schmückt sich mit einem Tanzhaus, während in Berlin über ein derartiges Projekt seit Ewigkeiten so einfalls- wie fruchtlos diskutiert wird. Renner muss zweitens das Fördersystem novellieren und finanziell aufpolstern: Regelmäßig startet ein riesiger Nachwuchspulk in den Dschungel von Basis-, Konzept- und Spielstättenförderung, aber kaum jemand schafft von dort den Aufstieg zum Exzellenzgipfel. Drittens muss Renner Tanz im August etatmäßig so ausstatten, dass das Festival dauerhaft mit großformatigen Koproduktionen punkten kann. Ohne langfristige Planungssicherheit bleibt es ein Sommerhoch mit unwägbarer Prognose. Dabei ist die binnenklimatische Dauerflaute, was Mut und Möglichkeit zur großen Tanzform betrifft, schon desaströs genug.

Text: Dorion Weickmann

Foto: Herman Sorgeloos

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