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Berlins aufregendstes Musiktheater: die Komische Oper

Die Komische Oper erlebt in dieser Saison ein kleines Bühnenwunder. Für ihre Fans ist sie längst das hipste Haus der Stadt. Seit Barrie Kosky sie zu Beginn dieser Spielzeit als Intendant übernommen hat, hat er das kleinste der drei großen Berliner Opernhäuser zur aufregendsten Bühne unter der deutschen Musiktheater-Sonne gemacht. Die Zuschauerzahlen schnellen in die Höhe. Karten für Koskys zauberhafte „Zauberflöte“ zu ergattern, ist fast unmöglich, für seinen gewagten Einstand mit einem zwölfstündigen Monteverdi-Marathon feierte die Presse Kosky mit hymnischen Kritiken.

„Wir haben 40.000 Kids in unseren Kinderproduktionen“, so Kosky stolz. Mit einem migrantischen „Ali Baba“, einer türkischen Übertitelungsanlage und einer Lüftung des Betriebs durch konzertante Aufführungen, Musicals und einen neuen Chefdirigenten weht tatsächlich neuer Wind durch die Bühne an der Behrenstraße. Und das, obwohl Koskys Vorgänger, der hölzerne Andreas Homoki, schon zehn Jahre vorher an nichts anderem arbeitete als an Verjüngung, Öffnung, Erneuerung. „Man braucht ein radikales Konzept, eine Philosophie“, findet Kosky. Damit meint er die Tat­sache, dass man „nicht nur für ein einziges Publikum“, sondern für möglichst viele Milieus und Geschmäcker Angebote schafft: „Das ganze Spektrum!“ Genau darin, an Vielfalt und Konsequenz, hapert es sonst an den Berliner Opernhäusern.

Die anderen mögen die berühmteren Sänger und die glamouröseren Dirigenten haben. Keine Frage. Doch Koskys Idee einer gänzlich filmischen „Zauberflöte“ (Foto), welche die Sänger als dreidimensionale Einschlüsse in einem Animationsfilm im Stil der Stummfilmära behandelt, war vollkommen originell. Das Ergebnis war hinreißend charmant; es dürfte der Komischen Oper viele neue Fans beschert haben. Die Produktion musste ein Dutzend Mal zusätzlich angesetzt werden, sie wurde ein kleiner Youtube-Hit und erhielt inzwischen Gastspiel-Einladungen nach Frankreich, Spanien und in die USA.

Dass Kosky seine Intendanz mit dem dreifachen Paukenschlag der Monteverdi-Trilogie („Orfeo“, „Poppea“ und ­„Ulisse“) beginnen ließ, zeigt Bekenntnismut und Risikobereitschaft. Dass der Produktion trotz einer Gesamtaufführungsdauer von zwölf Stunden nicht der Atem ausging, belegt Konditionstugenden, wie sie lange in Berlin nicht zu sehen waren. Und die neue Spielzeit zieht mit Brittens „Sommernachtstraum“, mit „Castor und Pollux“ von Rameau, dem „Feurigen Engel“ von Prokofjew und den ­„Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann – sämtlich nie da gewesen auf Berliner Opernbühnen – die richtigen Lehren aus den Riesenlücken der Repertoire-Monokultur in den letzten Jahren.

Noch wichtiger als das Konzept ist die Person des smarten, gleichzeitig lässigen und sehr entschiedenen Direktors mit dem nötigen Gespür für die Stadt. „Ich verstecke mich nicht“, sagt Kosky. Während der 1967 in Melbourne Geborene früher hauptsächlich das Image „jüdisch, schwul und australisch“ hatte, hat sich das Bild inzwischen deutlich differenziert. Barrie Kosky ist nicht nur ein lachlustiger Haudrauf und charmanter Diven-Tröster. Sondern einer der klügsten Theaterleiter in Berlin, dramaturgisch tickend und gleichzeitig strategisch ausgesprochen clever.

Die Komische Oper führte er auf ihre operettigen Wurzeln der 20er-Jahre zurück. Die waren beileibe nicht nur komisch. Und haben nichts mit Anneliese Rothenberger oder Rudolf Schock zu tun. Sondern mit Fritzi Massarys lasziv gemaunztem „Heut’ könnt’ einer sein Glück bei mir machen“ von Leo Fall. Und mit Richard Taubers Schlafzimmerblick in „Die Welt, durch ein Champagnerglas betrachtet“. Mit jener ganzen jüdischen Operetten-Mischpoke eben, die den Nazis ein Dorn im Auge war. Die Protagonisten von damals mussten emigrieren. Einige von ihnen wie der Librettist Fritz Löhner-Beda und Fritz Grünbaum wurden ermordet. Seit dem Nationalsozialismus steht die Operette unter Spießer-Verdacht.

Wenn Kosky jetzt die Operette „Ball im Savoy“ des 1933 ins Exil gejagten Paul Abraham mit Dagmar Manzel und Helmut Baumann in den Hauptrollen inszeniert, bedeutet das nebenbei eine Vereinigung zweier Theaterstars aus ehemals Ost- und West-Berlin. Nächste Spielzeit folgt eine szenische „Clivia“, so der Titel der erfolgreichsten Operette von Nico Dostal. Mit den Geschwistern Pfister in diversen Rollen. Gayle Tufts naht als „Herzogin von Chicago“. Übernächste Spielzeit kommt konzertant „Arizona Lady“, gleichfalls von Emmerich Kбlmбn. Und als Eröffnungsproduktion der Saison 2014/15 folgt, wie wir hier exklusiv vermelden können, eine Neuproduktion der „Schönen Helena“ von Jacques Offenbach, inszeniert vom Hausherrn.

„Wir müssen ein starkes Kollektiv sein“, ist Kosky überzeugt. Dieses starke Opernensemble, das er fast unverändert von seinem Vorgänger übernommen hat, spielt derzeit motivierter, textverständlicher, besser denn je. Zum ersten Mal seit vielen Jahren achtet ein Berliner Opernintendant auch konsequent darauf, sich in der Wahl der Regisseure von der Konkurrenz zu unterscheiden. Während sich Staatsoper und Deutsche Oper etwa Philipp Stölzl, Hans Neuenfels und Peter Konwitschny teilen, versucht Kosky derlei bewusst zu vermeiden. „Christof Loy, Claus Guth und Dmitri Tcherniakov schätze ich als Regisseure zwar sehr“, so Kosky. „Aber sie arbeiten anderswo in Berlin. Das reicht.“ Mit Namen wie Kirill Serebrennikov, Ivo van Hove und Reinhard von der Thannen mag Kosky riskante Regie-Engagements eingegangen sein (die nicht immer aufgingen). Aber es sind doch zumindest neue Opernnamen.

Zu den Regie-Entdeckungen seines Intendanz-Vorgängers Andreas Homoki zählt übrigens Kosky selbst. Dessen Berlin-Debüt 2003 mit Ligetis „Le grand macabre“ blieb unter anderem mit einer überlaufenden Toilette in bester Erinnerung. Kosky war damals Chef des Wiener Schauspielhauses – ein renommiertes, für seinen einfallsreichen Spielplan bekanntes Off-Theater. „In meiner einzigen Leitungsfunktion bislang“, so Kosky, „hatte ich ein Team von zehn Mitarbeitern, fünf bis sechs Produktionen ohne Repertoire und kein Ensem­ble.“ Er habe damals mehr Zeit im Cafй Prückel oder Cafй Sperl in Wien verbracht als hinter dem Intendanten-Schreibtisch, erzählt der Intendant. Nicht gerade ein Job, der einen unbedingt für einen Tanker wie die Komische Oper prädestiniert.

Doch das ist immer noch echt Berlin: Während die Messer der Kritiker hier schärfer gewetzt sind als anderswo, trifft die Kulturbehörde ihre Berufungsentscheidungen al gusto. So war es im Fall von Shermin Langhoff, so war es auch bei Kosky. Dessen zwischenzeitliche Regiearbeiten („Figaro“, „Iphigenie auf Tauris“, „Rigoletto“) deuteten durchaus nicht unbedingt darauf hin, dass hier jemand ein Füllhorn von neuen Geschichten über Berlin ausschütten könnte und unbedingt ein Opernhaus leiten sollte. Umso überraschender ist, wie Kosky schon in seiner ersten Spielzeit Opern-Berlin im Sturm erobert hat. Ob es nun der Furor des Neuaufbruchs, Glück oder Folge seines klugen Kalküls sein mag: Kosky hatte in seiner Saison mehr Erfolge als sein Vorgänger in Jahren. Er ist der einzige der Berliner Opern-Intendanten, der wirklich angekommen ist in der Stadt. Der zeitgleich eingecheckte Dietmar Schwarz an der Deutschen Oper spuckt kluge Töne, lässt aber keinerlei programmatische Handschrift erkennen. Jürgen Flimm von der Staatsoper scheint im Herbst seiner Intendantenkarriere im Schatten des mächtigen Daniel Barenboim nur noch Ehrenrunden zu drehen.

Und Kosky? „Schwulsein ist nicht abendfüllend“, sagte einst Rosa von Praunheim. Und schwul und jüdisch? „Reicht für zwei Abende!“, rechnet Kosky vor. Er sei in mindestens drei Bereichen gescheitert, bevor er Intendant wurde, erzählt er. „Erstens dachte ich immer, ich werde Dirigent, wenn ich als Kind im Schlafzimmer Bach dirigierte. Danach wollte ich Archäologe werden und das Grab des Ramses finden. Drittens beneide ich maßlos diejenigen, die Maler geworden sind. Das wär’s gewesen!“ Glück für Opern-Berlin, dass aus diesen Jugendträumen nichts geworden ist.

Text: Kai Lührs-Kaiser

Die Zauberflöte
Komische Oper, Fr 7.6., 20 Uhr, Sa 8., Di 11.6., 19.30 Uhr

Orpheus
Komische Oper, Sa 22., Sa 29.6., 19.30

Le Grand Macabre, Odysseus, PoPpea
weiter im Spielplan – Vorstellungen in der kommenden Spielzeit

Die Komische Oper
Als vor einigen Jahren die Diskussion um eine Fusion der drei Opernhäuser die Gemüter erhitzte, blieb eines der Häuser immer hübsch außen vor. Die Komische Oper in der Behrenstraße wurde als Verschmelzungsopfer nie ernstlich in Betracht gezogen. Warum? Das Haus gilt als Wiege des modernen Regietheaters und genoss so einen traditionellen Bestandsschutz. Der Wiener Theatermann Walter Felsenstein war der Erste, der hier die Idee eines „Sängerdarstellers“ kreierte und in die Tat umsetzte. Damit war eine schauspielerische Aufwertung des Opernsängers gemeint. Der Sänger sollte nicht mehr nur mit ausgebreiteten Armen und weit aufgerissenem Mund dastehen und seine Arien schmettern. Felsenstein vertrat die Auffassung: Dass die Menschen in der Oper singen statt sprechen, müsse Ausdruck gesteigerter Gefühlsentäußerung sein. Und zwar jeden Abend so, als sei es das erste Mal.

Mehrere Intendanten-Nachfolger an der Komischen Oper arbeiteten sich mühevoll am Mythos Felsenstein ab. Harry Kupfer gelang dies achtbar. Doch die behäbiger werdende Schülergeneration überlebte sich und hätte das Haus in eine Existenzkrise gestürzt, würde nicht Andreas Homoki immerhin das Talent besessen haben, neben sich, als Chef bis 2012, größere Regisseure zu dulden, als er selbst es war. Homokis Tragik bestand darin, dass sich die Kurve seiner anfänglichen Erfolge („Liebe zu den drei Orangen“, „Falstaff“) mit Amtsantritt rapide nach unten zu neigen begann. Immerhin war er es, der mit Barrie Kosky schließlich seinen späteren Nachfolger als Opernregisseur entdeckte.
Die Komische Oper wurde 1947 als Neugründung im Sinne der Pariser Opйra-comique eröffnet. Zuvor – in den 20er- und 30er-Jahren – residierte dort das Metropol-Theater mit Stars wie Lizzi Waldmüller, Fritzi Massary, Richard Tauber und Käthe Dorsch. Uraufgeführt wurden hier „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehбr, Oscar Straus’ „Eine Frau, die weiß, was sie will“ und Fred Raymonds „Maske in Blau“. Das Haus hat heute 1.270 Plätze.

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