Theater

Berlins Chöre

rundfunkchorDie Noten brauchen sie eigentlich gar nicht mehr. So oft haben die 64 Sänger und Sängerinnen des Berliner Rundfunkchors schon die „Ode an die Freude“ gesungen, dass sie ihr „Freude, schöner Götterfunken“ vermutlich auch im Schlaf singen könnten. Das Finale von Beethovens Neunter ist neben Brahms’ „Deutschem Requiem“ eine Trumpfkarte des Ensembles im harten Tourneegeschäft. Seit Leonard Bernstein 1989 die Sänger für sein legendäres „Ode to Freedom“-Konzert einspannte, traut man den Berlinern bei Beethovens Völkervereinigungs­jubel offenbar eine besondere Kompetenz zu. Nirgendwo singt der Chor sein Paradestück so regelmäßig wie in seiner Heimatstadt: Die Aufführungen von Beethovens Neunter mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und Marek Janowski um Silvester herum sind zur Routine im Berliner Konzertkalender geworden. Zwei Mal, am 30. und am 31., müssen die Rundfunkchoris­ten diesmal ran, um die unstillbare Nachfrage nach dem Beethoven-Hit stillen zu helfen. Zeilen wie „Seid umschlungen, Millionen“ müssen natürlich phon­stark rüberkommen, um die erbauungswillige Klassikgemeinde mit der nötigen moralischen Energie für das neue Jahr zu versorgen. Unter 60 Sängern geht da gar nichts.

Die Konzerte, mit denen die beiden Berliner Profi-Konzertchöre den Jahreswechsel bestreiten, zeigen exemplarisch die Aufgabenteilung zwischen den beiden Ensembles: Während der Rundfunkchor für die große Chor-Sinfonik zuständig ist, haben sich die RIAS-Sänger eine Spezialkompetenz für kleiner besetzte, oft virtuosere neue Musik und für die barocken Messen, Motetten und Passionen erarbeitet. Und während die Rundfunkchoristen unter ihrem charismatischen Chef Simon Halsey von den großen Orches­tern eingeladen werden, stiegen die RIAS-Sänger schon früh auf den Alte-Musik-Zug auf und arbeiten auch heute noch mit Spezialisten wie Renй Jacobs und Philippe Herreweghe. Was auch bedeutet, dass sie die Musik der Klassik und Romantik aus einem anderen Blickwinkel heraus angehen als ihre Berliner Konkurrenten: Wenn die RIAS-Sänger Beethoven und Schubert singen, werden die historischen Wurzeln dieser Musik hörbar. Das dürfte auch für das Neujahrskonzert gelten, das der RIAS-Kammerchor diesmal einem nicht gerade häufig zu hörenden Werk gewidmet hat: Mit Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ eröffnet Chorchef Hans-Christoph Rademann die Feier des 200. Komponistengeburtstags.  

Text: Jörg Königsdorf
Foto: Matthias Heyde

Beethoven „Sinfonie Nr. 9“, Konzerthaus, Mi 30.12., 20 Uhr, Do 31.12., 16 Uhr; TICKETS
Schumann „Szenen aus Goethes Faust“, Philharmonie, Fr 1.1., 20 Uhr

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