Theater

Berlins frei Szene bildet Koalition

MatthiasLilienthalSeit Jahren wird die Situation freier Künstler in Berlin immer schwieriger, da immer weniger Projekte mit immer weniger Geld unterstützt werden. Viele Schauspieler, Musiker, Tänzer; Puppenspieler etc. leben daher permanent unter prekären Verhältnissen. Auf der anderen Seite werden staatliche Bühnen mit Millionen bezuschusst. 

Vor 10 Jahren standen noch rund 10 % des Kulturhaushaltes an disponiblen Mitteln für die Freie Szene zur Verfügung, heute sind es mit rund Ђ 10 Millionen nur noch 2,5 %. Hinzu kommen weitere Ђ 10 Millionen aus dem vom Bund finanzierten Hauptstadtkulturfonds, die aber nur zu etwa 60 % freien Projekten zur Verfügung stehen. Zwar hat die neue Regierungskoalition aus SPD und CDU die Förderung der freien Szene angekündigt und den Etat für 2012 und 2013 um 8 Millionen Euro aufgestockt, bei der freien Szene kommt davon aber lediglich ein Bruchteil an. 

Die Koalition der Freien Szene fordert eine substantielle Aufstockung der disponiblen Mittel im Kulturetat, zumal die Summe aller institutionellen Förderungen auf der anderen Seite kontinuierlich zunimmt. Erstmalig hat sich deshalb in Berlin eine spartenübergreifende Koalition der Freien Szene aller Künste gebildet, um auf diese eklatante Fehlentwicklung aufmerksam zu machen, die die Substanz des kreativen Berlins gefährdet. Stattdessen schlägt die Koalition einen grundlegenden Wandel der bisherigen Kulturförderung vor und fasst die Ideen in zehn Punkten zusammen:

1. Die Koalition der Freien Szene fordert eine Erhöhung der Ausgaben für Kultur innerhalb des Berliner Gesamthaushalts und dabei insbesondere eine ubstanzielle Aufstockung der Förderetats für freie Projekte. Die Einführung einer Citytax wird begrüßt. Mindestens 50% der Einnahmen aus der Citytax ollen in die Förderung der Freien Szene fließen.

2. Kulturförderung aus der künstlerischen Praxis heraus.
Entstandene Produktionsstrukturen bedürfen neuer Förderinstrumente: 1) Eigenmittelfonds. Dieser wird dringend benötigt, um nicht geförderte Ensembles und Künstler in die Lage zu versetzen, substanzielle Anträge bei Hauptstadtkulturfonds, Kulturstiftung des Bundes, Privatstiftungen oder auch der EU stellen zu können.
2) Förderetat für Wiederaufnahmen erfolgreicher Projekte und Produktionen, der anders als im bisherigen Verfahren innerhalb der Einzelprojektförderung eine flexible Struktur aufweist, so dass die Zuwendung für Wiederaufnahmen zeitnah und spontan erfolgen kann.
3) Spartenübergreifender Fonds für Forschung, Entwicklung und Recherche sowie Mittel für Künstlerresidenzen.
4) Aufhebung des Festivalförderverbotes.
5) Einrichtung eines Fonds für kulturelle Vielfalt in Anlehnung an die Forderung des Rates für die Künste.

3. Schaffung und Förderung von Häusern mit eigenen Produktionsetats für die Freie Szene.
Interdisziplinär arbeitende Häuser nehmen innerhalb der freien Strukturen sogenannte Ankerpositionen ein, indem sie z.B. eigenständig nationale und internationale Koproduktionen und Festivalkooperationen anstoßen und durchführen können. Auf eine solche Infrastruktur kann die Freie Szene nicht mehr verzichten, da sonst keinerlei Möglichkeit zur kontinuierlichen Entwicklung und Planungssicherheit besteht.

4. Hauptstadtkulturfonds – Freie Mittel für freie Strukturen!
Aus dem Hauptstadtkulturfonds dürfen keine Regelförderungen finanziert werden, damit die Fördermittel in vollem Umfang freien Projekten zur Verfügung stehen. Anträge von institutionell geförderten Kultureinrichtungen sollen nur berücksichtigt werden, wenn das Projekt maßgeblich mit Künstlern freier Strukturen realisiert wird. Das Votum der Jury ist bindend.

5. Einführung einer Honoraruntergrenze für öffentlich geförderte freie Künstler.
Um eine Reduzierung der geförderten Projektanzahl zu vermeiden, hat dies eine Etaterhöhung zur Folge. Die Forderung des LAFT und TanzRaumBerlin/Tanzbüro Berlin/ztb e.V. nach einer Honoraruntergrenze der freien Darstellenden Künste versteht sich in diesem Sinne als Pilotprojekt für alle Künste.
6. Die Fördersysteme für Musik und Bildende Kunst müssen in Struktur und finanzieller Ausstattung der Förderung im Bereich der Darstellenden Künste
angeglichen werden.

7. Die Liegenschaftspolitik muss zugunsten von Kultur und Stadt neu gedacht werden.
Die Koalition der Freien Szene fordert ein Moratorium zum Verkauf von Landesimmobilien. Der Vergabe von Grundstücken im Erbbaurecht ist Vorrang gegenüber einem Verkauf zu gewähren. Stadtentwicklungspolitik ist Kulturpolitik.

8. Bezirkliche Kunst- und Kulturförderung muss dringend erhalten und ausgebaut werden.
Eine Stärke Berlins ist seine historisch gewachsene Dezentralität. Die Kulturförderung in den Bezirken für Projekte und Institutionen bildet die Grundlage für kulturelle Vielfalt und schafft ein Angebot, das die Berliner Bevölkerung in ihrer sozialen Vielschichtigkeit erreicht. Dezentrale Projektförderung wird für alle Berliner Bezirke gefordert.

9. Solidaritätsprinzip
Kooperation und Partnerschaft zwischen festen Institutionen und der Freien Szene ist ausdrücklich zu begrüßen. Eine Zusammenarbeit von Freier Szene und institutionell gesicherten Häusern sollte vom Zuwendungsgeber und von Seiten der Politik stärker unterstützt und gefördert werden.

10. Transparenz und Gerechtigkeit
Regelmäßige Evaluierung der vereinbarten Ziele aller öffentlich geförderten Institutionen. Die Benennung von Jurys mit Vorschlagrecht der Freien Szene hat rechtzeitig zu erfolgen und soll transparent sein. Die Koalition der Freien Szene bündelt Ideen und Vorschläge, die unterschiedliche Netzwerke, Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen für eine neue Kulturpolitik entwickelt haben.

Zu den Initiatoren bzw. Erstunterzeichnern gehören u.a. Matthias Lilienthal, Rikki von Falken sowie Sasha Waltz.

 

Wer die Initiative unterstützen will, kann online eine Petition unterschreiben:

www.openpetition.de/petition/online/koalition-der-freien-szene-offener-brief-an-die-stadt-berlin

Foto: David von Becker

 

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