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Bert Neumann – 9.11.1960 – 30.7.2015

Für die neue Spielzeit der Volksbühne wollte Bert Neumann den gesamten Boden des Zuschauerraums asphaltieren. Indem er Straßenbelag ins Theater holt, setzt Bert Neumann sein Spiel mit Innen und Außen, Kunstraum und Wirklichkeitszitat raffiniert fort. Damit hat er über zweieinhalb Jahrzehnte, während der gesamten Castorf-Jahre, die Möglichkeiten der Bühne immer wieder überraschend varriiert und neu erfunden. Bert Neumann, der wichtigste Bühnenbildner seiner Generation, ist am 30. Juli im Alter von 54 Jahren gestorben. Er war in ­seinem Ferienhaus in Mecklenburg, in dem er in den Theaterferien immer mit seiner Frau Lenore Blievernicht und seinem Sohn Leonhard ­wohnte. Neumann litt seit vielen Jahren unter schwerem Asthma.

Sein Tod ist ein fürchterlicher Verlust. Ein Verlust für das Theater, für die Künstler, die mit ihm gearbeitet haben, für die Menschen, die ihn und seine Bühnen geliebt oder einfach nur aufrichtig verehrt haben. Menschen, denen das Theater etwas bedeutet, konnte man ziemlich einfach auseinanderhalten: Es gab die, die Bert Neumanns Bühnen bewundert haben und sie seltsam und aufregend, manchmal kaum verständlich, aber schön und faszinierend fanden. Und es gab die anderen, die in schlecht informierten Wiederholungsschleifen sagten: schon wieder Glitzervorhang, schon wieder Container, schon wieder Video.

Für Frank Castorf und Renй Pollesch war Bert Neumann der wichtigste Bühnenpartner: „Bert ist der erste Autor meiner Inszenierungen“ sagt Renй Pollesch über ihre Zusammenarbeit. Neumann war kein Dienstleister, der Regiekonzepte bebilderte, sondern ein autonomer Künstler. Für die Volksbühne war er weit mehr als der Chefausstatter. Mit seinen Bühnen, mit seiner ganzen Haltung, die den gängigen Theaterwirkungsmechanismen misstraute, mit dem Volksbühnen-Anti-Marketing der mit Lenore Blievernicht gegründeten Agentur LSD (Last Second Design) hat er die Identität des Hauses mindestens so stark geprägt wie der Hausherr. Das Volksbühnen-Logo, das in Stahl vor der Volksbühne steht, die Besetzungszettel aus altem, holzigen DDR-Papier, die wuchtige Frakturschrift, die trotzige „Ost“-Leuchtreklame auf dem Dach der Volksbühne, Plakate, die mal Anzugträger zur spöttischen Parole „Das neue Berlin“, mal kryptische Rotwelschzeichen zeigten, die „Rollende Road Show“, mit der die Volksbühne seit anderthalb Jahrzehnten, lange vor der „X-Wohnungen“-Mode, die ­tristeren Gegenden Berlins erkundet, Bühnen mit kaum einsehbaren Containern samt Videoübertragungen, mehrstöckige Häuser und ganze Stadtlandschaften als Bühnenbild – alles Bert Neumanns Erfindungen.

Wäre Berlin-Mitte nicht längst zum Synonym für Hipster-Peinlichkeiten geworden, könnte man sagen, dass Bert Neumann der Erfinder von Berlin-Mitte war, bevor das Subkulturbiotop durchgentrifiziert und von Imageverwertern und Touristen übernommen wurde. Als ihm die angestrengt coole Lockerheit des neuen Mitte-Berlins etwas zu penetrant wurde, hat er die Volksbühne neu eingekleidet. Statt T-Shirts mit dem Volksbühnen-Logo trugen die Kartenabreißer im Foyer jetzt altmodische Anzüge. Bert Neumann war etwas zu hip, um hip sein zu wollen.

Bert Neuman war ein nicht nur für Theaterverhältnisse ungemein feiner Mensch: auf eine leise, höfliche, spöttische Weise sehr entschieden, innerlich offenbar völlig unabhängig, unbestechlich in der Wahl seiner Arbeitspartner und von Hierarchien welcher Art auch immer nicht zu beeindrucken. Er machte sich seine Hierarchien selber: Maler oder Näherinnen in den Theaterwerkstätten nahm er ernst, Kulturstaatssekretäre oder Feuilletonchefs nicht unbedingt. Sein schrecklich früher Tod hinterlässt eine Leerstelle, die weit größer ist als seine tollen, schönen zwei Jahrzehnte an der Volksbühne.

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