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„Billy Budd“ von Regisseur David Alden an der Deutschen Oper

Die maskulinste Oper von allen gab’s in Berlin merkwürdigerweise noch nie. Brittens „Billy Budd“, 1951 für ein reines Männerensemble komponiert, wird sonst gern als verkappter Schwulenporno inszeniert. Mit viel nacktem Oberkörper. Hier endlich mal nicht. Der zwangsrekrutierte Matrose Billy, den eine ganze Schiffsmannschaft wegen seiner Schönheit anstaunt, ist bei näherem Hinsehen kein bloßer Top-Thorax. Keine Sexbombe. Sondern – gemäß der Roman-Vorlage von Herman Melville – ein kindlicher Apoll und Engelssymbol. Folglich besitzt John Chest in der Titelrolle hier höchstens den erotischen Appeal eines ungewaschenen Mickey Rooney.

Regisseur David Alden galt früher als Vorhut der quietschbunten Opern-Britpopper und war Hausregisseur an der Bayerischen Staatsoper. Er holt „Billy Budd“ aus der privatistischen Britten-Ecke heraus. Vor rostigem Schiffsbauch, kein Meer in Sicht, entdeckt er eine existenzialistische Parabel. Dabei hilft ihm ein fulminantes Ensemble mit Gidon Saks, Burkhard Ulrich und Markus Brück. Die aus London eingekaufte Produktion muss als Saison-Highlight der schwächelnden Intendanz von Dietmar Schwarz gewertet werden.

Selbst altgediente Ensemble-Recken wie Lenus Carlson spielen sich ungeahnt frei. Der umwerfend gute Chor zeigt Britten als multitonalen Postharmoniker – so schön, dass es schon wieder schräg wird. Donald Runnicles dirigiert, als handele es sich um einen englischen Richard Strauss: weich, klangzauberisch und mit etlichen Wagner-Nebelrufen. Es ist das erste Mal, dass so etwas wie ein Britten-Zyklus in Berlin versucht wird (nächste Saison folgt „The Rape of Lucretia“). Szenisch gut. Musikalisch und als Ensembleleistung: ausgezeichnet. Was will man mehr.   

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

tip-Bewertung: Sehenswert

Billy Budd Deutsche Oper, Di 3.6., Fr 6.6., jeweils 19.30 Uhr, Karten-Tel. 34 38 43 43

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