Theater

Blutleeres Spektakel: Schlöndorffs „Carmen“

CarmenIm Shuttlebus Richtung Strandbad herrscht schon Stierkampfstimmung unter den drängelwütigen Senioren. Muss an der Hitze liegen. Die Sonne brennt auch am frühen Abend noch unbarmherzig auf die Tribüne der Seebühne Wannsee, wo Volker Schlöndorffs „Carmen“ gespielt wird, Schatten gibt’s nur ab 80 Euro im vorderen Parkett. Noch vor der Pause muss das Rote Kreuz drei Mal ausrücken und Zuschauer mit Kreislaufproblemen abführen, vermutlich tut die an jedem dritten Stand ausgeschenkte Erdbeerbowle ihre Wirkung. Egal, auch wenn’s kühler gewesen wäre – die Aufführung hätte das nicht besser gemacht.

Aus Georges Bizets Ohrwurm-Oper „Carmen“ ist nur unter größter Kunstanstrengung noch Originelles oder Unerhörtes hervorzukitzeln. Aber die Chuzpe, mit der Regisseur Schlöndorff totale Konzeptlosigkeit als Tugend verkauft, ist fast schon beneidenswert: „Ich wollte ohne vorgefasste Meinung beginnen und abwarten, was die Musik und die Szenen uns von Tag zu Tag erschließen würden“, lässt er sich im Programmheft zitieren. Tja, da haben die Szenen sich wohl bockig gestellt.
Auf in den Krampf, Torero! Was stattfindet, ist ein blutleeres Sponsoren-Spektakel, das sich ganz auf die Wirkmacht der pittoresken Naturkulisse verlässt. Und wenn die Sonne ausgerechnet untergeht, während Zigeunerbraut Carmen (Zweitbesetzung Erica Brookhyser) von ihrem Don Josй (Christian Schleicher) angeschmachtet wird, jubiliert selbstredend das Kitschgemüt. Dazu passt auch die Bühne von Volker Hintermeier, auf der ein riesiger schwarzer Fächer mit „Ciganes“-Leuchtschrift in Coca-Cola-Anmutung ragt. Manchmal raucht es von hinten. Ein Kabelbrand? Ach nein, ein Bühneneffekt. Zweiter Einfall: Beständig lässt Schlöndorff 20 Akrobaten der staatlichen Artistikschule Berlin in bunten Kostümen herumhüpfen. Mehr Folklore geht kaum. Immerhin, Brookhyser als Carmen setzt der Badesaison nebenan einen durchaus kräftigen Mezzosopran entgegen. Und das lautsprecherverstärkte Zelt-Orchester unter Judith Kubitz kann sich auch hören lassen. Wobei die Hauptaufgabe ja darin besteht, bloß nicht beim Dämmern am See zu stören.     

Text: Patrick Wildermann
Foto: Lutz Edelhoff
tip-Bewertung: Uninteressant

Carmen (Termine)
in der Seebühne Wannsee,
30.8., 19 Uhr, 31.8., 1.9., 19.30 Uhr, 2.9., 18.30 Uhr,
Tickets: 01805 – 969 00 05 55

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