Theater

„Bodenprobe Kasachstan“ im HAU

bodenprobe_kasachstan„Am Sonntag schepperte immer das Geschirr im Schrank“, erinnert sich Andrej. Als die kasachische Stadt Semej noch zur Sowjetunion gehörte, wurden stets am Sonntagvormittag im nahe gelegenen Versuchsgelände Poligon nukleare Bombentests durchgeführt. Die atomare Erschütterung hörte man in jedem Haus. Heute ist Andrej Rentner und hat Herzprobleme und ständig Gliederschmerzen. „Bodenprobe Kasachstan“, das jüngste Theaterprojekt von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll), ist eine abenteuerliche Reise in ein Land, das über enorme Bodenschätze verfügt und es nach wie vor mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt. Eine Clique um den Langzeitpräsidenten Nursultan Nasarbajew bereichert sich an den Schätzen des Landes, die in einer endlosen Steppe verborgen liegen. In „Bodenprobe Kasachstan“ versucht Kaegi nachzuvollziehen, „wie Politiker Bodenschätze und Menschen von einem Ort zum anderen transportieren und was das für die Leben dieser Leute bedeutet“.

Almaty, Semej, Zhezkazgan, Astana, Atyrau, Uralsk: Die Stationen, die Stefan Kaegi und sein Team Anfang März dieses Jahres abklapperten, haben mit den Biografien seiner Akteure zu tun, die er in Berlin gecastet hat. An diesen Orten in Kasachstan wurden sie geboren, oder sie haben dort gelebt und gearbeitet. Im 18. Jahrhundert holte Katharina die Große unzählige Deutsche nach Russland, als 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion Kasachstan selbstständig wurde, zog es viele Auslandsdeutsche wieder zurück in die Heimat. Rund 220.000 Kasachen leben heute in Deutschland, viele von ihnen in Berlin-Marzahn.

In Semej ist Kaegi auf den Spuren von Heinrich Wiebe, einem seiner Darsteller aus „Bodenprobe Kasachstan“. Wiebe, 70, fuhr mit seinem LKW Benzin aus der Raffinerie von Pavlodar an Tankstellen in ganz Kasachstan. Um sich die Zeit zu vertreiben, sang er. „Eigentlich ist es in Deutschland ungehörig, jemanden zu bitten, ein Lied zu singen“, meint Kaegi. In Kasachstan ist das kein Problem. Bei jedem Verwandtenbesuch biegt sich der Tisch mit Leckereien, Pferdefleisch und süßen Torten, Kognak oder Wodka stehen auch bei Vormittagsterminen bereit. Lange lässt sich hier niemand drängen, musikalisch aktiv zu werden. Auch davon wird in „Bodenprobe Kasachstan“ ausgiebig zu hören sein.

Text: Karin Cerny

Bodenprobe Kasachstan HAU 2, Mi 27., Fr 29., Sa 30.4., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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