Theater

„Border Border Express“ im HAU

Border_Border_ExpressLa Termitiиre, also: der Termitenbau, heißt das Tanzzentrum von Salia Sanou und Seydou Boro. Es befindet sich mitten in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, in deren Nähe auch Christoph Schlingensiefs Operndorf gebaut wird. La Termitiиre ist das größte zeitgenössische Tanzzentrum in Westafrika, das erste, das nicht nur mit fremdem Geld, sondern zum Teil auch aus Landesmitteln finanziert wird. 2004 wurde es eröffnet, junge Tänzer und Choreografen werden hier ausgebildet, Sanou und Boro produzieren hier ihre Stücke; Arbeiten wie „Dambe“ und „Concert d’un homme dйcousu“, die jetzt beim Festival „Border Border Express – Zeitgenössischer Tanz aus Burkina Faso, Kenia, Kongo und Südafrika“ im HAU zu sehen sein werden. Die beiden Soli touren um die Welt. Uraufgeführt aber wurden sie in Ouagadougou. „Als erstes“, sagen Sanou und Boro, „machen wir unsere Stücke für unsere Zuschauer vor Ort.“ „Empreintes/On posera les mots aprиs“, ein Stück der Compagnie Baninga, erzählt vom Lebensgefühl einer vom Bürgerkrieg geprägten Jugend im Kongo. Vom Wunsch, trotz aller Zerstörungen und allen Leids nach vorne zu schauen und Hoffnung zu haben. In „Sakhozi says NON to the Venus“ nimmt die südafrikanische Choreografin Nelisiwe Xaba das Leben der 1789 geborenen Sarah Baartman zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über den gegenwärtigen exotisierenden Voyeurismus in Soweto. Sarah Baartman wurde als sogenannte südafrikanische „Hottentotten-Venus“ wegen ihrer ausgeprägten Geschlechtsmerkmale nach Europa verschifft und als Kuriosität zur Schau gestellt.

„Border Border Express“, der Titel des Festivals, lehnt sich an das gleichnamige Duett von Opiyo Okach an, das vom regen Grenzverkehr der Fahrradhändler zwischen Kenia und Uganda erzählt. Reger Grenzverkehr besteht auch zwischen dem europäischen Festivalmarkt und den afrikanischen Choreografen, die ohne diesen Transit keine Stücke produzieren könnten. Aber so stark die finanzielle Abhängigkeit auch ist, es entwickeln sich immer stärker eigene, innerafrikanische Netzwerke. 1968, als Germaine Acogny, die Grande Dame des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, in Dakar das erste zeitgenössische Tanzstudio eröffnete, war sie mit ihrem Projekt allein auf weiter Flur. Erst in den 90er-Jahren fand so etwas wie ein Bewusstseinswandel statt.
Viele Tänzer und Choreografen, die im Ausland gearbeitet hatten, kehrten in ihre Heimatländer zurück und begannen dort, eigene Tanzzentren aufzubauen. Seitdem explodiert die zeitgenössische Tanzszene regelrecht. Die afrikanischen Choreografen schöpfen nicht nur aus einer ungemein starken Tanzkultur – anders als die oft recht blutleer um sich selbst kreisenden Kollegen aus Europa haben sie auch wirklich Drängendes zu erzählen.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Border Border Express

Border Border Express
HAU, Di 7. – So 12.6., genaue Termine siehe www.hebbel-am-ufer.de, Karten-Tel. 25 90 04 27

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