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„Borgen“ an der Schaubühne

Nicolas Stemanns Theater-Adaption der dänischen Fernsehserie „Borgen“ an der Schaubühne inszeniert politisches Theater als das Theater der Politik: Schauspieler spielen Politiker, die in ihren öffentlichen Rollen mit vorgestanzten Textbausteinen wie Darsteller einer gescripteten Reality-Show agieren. So wird das Theater vom Erzähl- zum Reflexionsmedium, keine Illusionsmaschine, sondern ein Analyseinstrument.
Der Abend ist mit gut dreieinhalb Stunden keine ­Minute zu lang, was unter anderem daran liegt, dass er wie jede gute Serie einige Sogkraft entwickelt. Das beginnt denkbar trocken mit einer Nacherzählung zentraler Handlungsstränge der Serie um den politischen Aufstieg der linksliberalen Brigitte Nyborg zur Ministerpräsidentin (tough, ohne verhärtet zu sein: Stefanie Eidt). Die Musiker und Schauspieler sitzen wie bei einer Leseprobe an einem langen Tisch und probieren ihre Figuren und deren Haltungen nur mal kurz und etwas unverbindlich aus, um dann nach und nach ins Spiel zu kommen.
Stemann versucht gar nicht erst, Atmosphäre, Cliffhanger-Handlungsspannung und psychologischen Realismus der Fernsehserie ins Theater zu übersetzen. Stattdessen benutzt er Figuren und Plot als Versuchsmaterial um wie in einem Brecht-Lehrstück über die Mechaniken des demo­kratischen Politik-Betriebs nachzudenken. Wobei er nicht nur den Serien-Stoff, sondern auch das Lehrstück-Format mit lässiger Ironie behandelt, etwa wenn zwischengeschobene Lieder von Hanns Eisler mit neuem Text versehen werden. Schon der ständige Rollenwechsel der vier Schauspieler, die alle Figuren spielen, sorgt dafür, dass kein unnötiger Naturalismus aufkommt.
Weil das Theater der Politik die Massenmedien als Bühne braucht, liefern die Intrigen, Opportunismen und Machtkämpfe in einem Fernsehsender eine zweite Erzählebene. Stemann führt lustig die Fabrikation der Medien-Fiktion vor, wenn Nyborg und ihr Mann, gesteuert von einem Spindoctor, vor den Fernsehkameras ein glückliches Paar spielen. Sehr hübsch wird das Spiel mit den Medien ins Absurde getrieben, wenn kurz darauf Nyborgs Ehemann, der seiner Frau gerade erklärt, dass er sich von ihr scheiden lassen will, merkt, dass sein Text gleichzeitig auf einem Teleprompter abrollt: Selbst die privaten Krisen folgen einem Skript.
Weil jede Unterrichtseinheit einige zentrale Merksätze braucht und weil Nyborg entgegen den Politiker-Klischees keine Zynikerin ist, wird das Leitmotiv der Serie gleich zu Beginn deutlich ausgestellt, um im Lauf des Abends öfter variiert zu werden: „Kann man politisch erfolgreich sein und trotzdem man selbst bleiben?“ Gute Frage. Nyborg gelingt das natürlich nicht, was zuerst ihr Mann (Sebastian Rudolph) und die Kinder (sehr komisch: Regine Zimmermann und Tilman Strauß) zu spüren bekommen. Stemanns Spott gilt neben dem Machtkampf-Gezappel des politischen Personals auch den ebenso vorgestanzten Formeln einer linken Kritik. Sie sind schöne Lacher wert, wenn die acht- und zwölfjährigen Kinder der Ministerpräsidentin wacker Parolen aus ihrer Zizek-Lektüre zum besten geben: Am Ende geht es, zumindest in den Augen des Achtjährigen, logisch, um den Klassenkampf.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Schaubühne So 6.–Di 8.3., 19.30 Uhr, Eintritt 7–48 Euro

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