Kommentar

„Botho stresst“ von Peter Laudenbach

Botho Strauß, ein in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts viel ­gespielter Dramatiker, gibt in einem Gastbeitrag für „Die Zeit“ seinen Missmut über die Gegenwart zu Protokoll

Peter Laudenbach

Dass ältere Männer mit der Gegenwart nicht zurecht kommen, soll ja öfter vorkommen. Strauß, in seinen besten Texten ein sensibler Beobachter, zieht daraus schrullige Konsequenzen. Er stilisiert sich zum großen Zeitabgewandten und gefällt sich in der Rolle des Reaktionärs.
Seine aparte Begründung: „Der Reaktionär ist das Nachhaltigste, was die Denkwirtschaft hervorgebracht hat.“ Für einen Schriftsteller, der stolz auf seinen akkuraten Sprachgebrauch ist, ist der Satz mit der Modevokabel Nachhaltigkeit und der Rede von der eigenen Denkwirtschaft (als Ergänzung der bekannten Disziplinen der Gast-, Volks- und Betriebswirtschaft) nicht ohne Komik. Ohnehin wird die Sprache bei Botho Strauß immer ­gestelzter, je wirrer die Produkte seiner Denkwirtschaft geraten. Zwecks Erregungssteigerung setzt sein Text mit einer kleinen Tirade gegen den „Kitsch der Toleranz, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte“ ein. Kitsch der Menschenrechte? Man muss dem verwirrten Dichter nicht gleich einen Studienaufenthalt in Guantanamo wünschen. Die Lektüre des Jahrbuchs Menschenrechte von Amnesty International genügt, um zu sehen, wie obszön Strauß’ Gerede vom „Kitsch der Menschenrechte“ ist.
Zur Strauß-Pose des Reaktionärs passt es, dass Götz Kubitschek, ­einer der lautstärksten Vordenker eines konservativ veredelten Rechtsradikalismus, einem älteren Strauß-Essay („Anschwellender Bocksgesang“) attestiert, er gehöre „zu den mythischen Texten der Neuen Rechten.“ Jeder hat die ­Leser, die er verdient.

Mehr über Cookies erfahren