Theater

Boulevardstaatstheater

Wer sein Vertrauen in die parlamentarische Demokratie nicht gefährden will, sollte nicht allzu oft den Darbietungen im Kulturausschuss beiwohnen. Bei der zweiten Lesung des Kulturetats konnte man erleben, wie Christopher Lauer von den Piraten, immer für eine Peinlichkeit gut, seine Verwirrtheit mit Originalität verwechselte. Grundlos überzeugt von der eigenen Bedeutung machte er mit der Frage „Was soll eigentlich diese ganze Kulturförderung?“ klar, dass er eher aus Versehen im Kulturausschuss sitzt. Brigitte Lange von der SPD erklärte im Tonfall der beleidigten Hinterbänkler-Leberwurst treuherzig, dass sie sich die schöne Berliner Kultur nicht kaputtreden lassen wolle. Damit meinte sie die Koalition der Freien Szene, die in den vergangenen Wochen auf ihre finanziellen Nöte aufmerksam gemacht hatte. Schöne Strategie: Was Frau Lange nicht gefällt, hört sie lieber nicht, und wenn doch, ist sie überfordert. Putzig bis zynisch ist auch, wie sie die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen schönredet: Die Künstler hätten sich ja schließlich „für eine freie Existenz entschieden“. Deutlicher lässt sich schulterzuckende Gleichgültigkeit nicht demonstrieren. Dass Frau Lange ausgerechnet die etwas zweckfreie Tischlerei der Deutschen Oper als Ort des Experiments pries, muss man wohl als Zeichen ihrer bedauernswerten Orientierungslosigkeit verstehen. Es war Herrn Schlede von der CDU, einem leicht pomadigen Herren-Darsteller, vorbehalten, zu beweisen, dass es noch peinlicher geht. Seine wagemutig kenntnisfreie These: Die Freie Szene will ja nur „die gleichen Strukturen“ wie die Staatstheater. Man fragt sich, ob der Mann mal in einem Theater jenseits der Hochkultur oder im HAU war. Der dröhnende Wowereit und sein farbloser Kulturstaatssekretär rundeten das Bild ab.

Es gibt dennoch gute Nachrichten. Wohl um dem Protest der Freien Szene, von deren Wucht die von Arroganz nicht freie Leitung der Kulturverwaltung offenkundig überrascht wurde, den Wind aus den Segeln zu nehmen, schlagen die Regierungsfraktionen nun vor, zu prüfen, ob die Zuwendungen für die Freie Szene um 3,7 Millionen Euro erhöht werden können – darunter eine Million für Sasha Waltz. Mal abwarten, was davon am Ende der Haushaltsberatungen im Hauptausschuss übrig bleibt. Zweiter, halber Erfolg der Freien Szene: Wowereit erklärt, dass „ein Teil“ der Einnahmen aus der City Tax in ihre Finanzierung fließen soll. Sieht so aus, als hätte die Koalition der Freien Szene keine andere Wahl, als den Druck auf die Politik hoch zu halten. Zum Beispiel mit der Protestkundgebung am 28. September um 16 Uhr auf dem Schlossplatz.

Informationen zur Koalition der Freien Szene: ?www.berlinvisit.org

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